Armut «Weiterbildung muss ­obligatorisch werden»

Bettina Fredrich
«Für Leute mit niedriger Qualifikation werden die Jobs langsam knapp», stellt Bettina Fredrich fest.

Bettina Fredrich von Caritas Schweiz fordert mehr ­qualifizierende Weiterbildung. Und zwar als Pflicht für alle.

Zur Person

Bettina Fredrich, 42, ist Leiterin der Fachstelle Sozialpolitik von Caritas Schweiz und Mitglied der Begleit­gruppe des Nationalen Programms gegen Armut.

Beobachter: Ist Bildung ein Allheilmittel gegen Armut?
Bettina Fredrich: Bildung ist eine zen­trale Massnahme, aber mit ihr allein schafft man die Armut nicht aus der Welt. Ob jemand arm ist, hängt auch vom Arbeitsmarkt ab, davon, wie viele Leute er aufnehmen kann und zu welchen Bedingungen. Zentral sind existenzsichernde Löhne. Zudem spielen die Möglichkeiten zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie eine Rolle, ebenso die Kosten für Wohnen und Krankenkasse. Bei Paaren reduziert häufig noch immer die Frau ihr Pensum oder steigt ganz aus dem Arbeitsleben aus, wenn ein Kind kommt. Bei einer Trennung trägt sie dann das ­Armutsrisiko. Trotzdem: Bildung ist eine wirksame Methode, um Armut 
zu bekämpfen.

Beobachter: Warum?
Fredrich: Weil Bildung in unserer Wissens­gesellschaft zentral ist. Die Statistik zeigt, dass in der Schweiz der Anteil der Personen ohne Berufsabschluss zwar sinkt – doch gleichzeitig steigt der Anteil der Sozialhilfeempfänger ohne Abschluss; auf rund die Hälfte trifft das zu. Es gibt also den Zusammenhang zwischen Bildung und Armut. In immer mehr Berufen ist eine gute Bildung Voraussetzung, um im Arbeitsumfeld überhaupt zu bestehen und ein existenzsicherndes Einkommen zu erwirtschaften.

Beobachter: Wer weniger gut ausgebildet ist, 
hat also schlechtere Karten.
Fredrich: Genau. Wir sehen, dass Personen mit niedriger Qualifikation immer häufiger aus dem Erwerbsleben ausscheiden und die Jobs für sie langsam knapp werden. Die Arbeitsbereiche, in denen sie tätig sind, werden entweder automatisiert oder ausgelagert. Das führt zur paradoxen Situation, dass wir einerseits einen Mangel an gut qualifizierten Fachkräften haben – und zugleich steigt die Zahl von niedrig qualifizierten Arbeitslosen und Ausgesteuerten mit geringen Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

«Wer mit einem oder mehreren Tieflohnjobs gerade so über die Runden kommt, hat weder die Zeit noch das Geld, um eine  Nachholbildung in Angriff zu nehmen.»

Bettina Fredrich, Leiterin Fachstelle Sozialpolitik bei der Caritas

Beobachter: In der Schweiz haben rund 600'000 ­Personen keinen Berufsabschluss, ihre Jobs sind durch den Strukturwandel ­tendenziell gefährdet. Was läuft schief?
Fredrich: Die Gruppe der Personen ohne Abschluss ist bunt zusammengesetzt. Das sind Leute mit Brüchen in der ­Biografie, häufig Frauen, die früh die Hauptverantwortung in Haushalt und Familie übernommen haben. Ein Teil ist aber auch historisch begründet: Wir haben Migrantinnen und Migranten für niedrig qualifizierte Jobs angeworben. Viele von ihnen kamen ohne Ausbildung. Andere verfügen durchaus über einen Abschluss, bloss ist er in der Schweiz nicht anerkannt. Diese Leute arbeiten dann in einer Tieflohnbranche und stecken darin fest.

Beobachter: Berufsabschlüsse lassen sich doch ­nachholen.
Fredrich: Das stimmt schon. Das Problem ist aber: Wer mit einem oder mehreren Tieflohnjobs gerade so über die Runden kommt, hat weder die Zeit noch das Geld, um diese Nachholbildung in Angriff zu nehmen. Viele wissen nicht einmal, dass es diese Möglichkeit überhaupt gibt. Diese Leute werden alleingelassen. Und wenn die Wirtschaft schwächelt, sind sie die Ersten, die den Job verlieren.

Beobachter: Die Leute werden alleingelassen, sagen Sie. Wer müsste aktiv werden?
Fredrich: Notwendig ist ein Zusammenspiel verschiedener Akteure. Erstens der Bund: Er muss das Bekenntnis zu einem Recht auf Erstausbildung ab­legen. Zweitens die Kantone, die die Anerkennung ausländischer Abschlüsse vereinfachen müssen. Schliesslich sind auch die Arbeitgeber in der Pflicht. Sie müssen Angestellte auf ­Angebote zur Nachhol- oder Weiter­bildung aufmerksam machen und sie darin unterstützen, diese auch wahrzunehmen.

Bettina Fredrich
Bettina Fredrich: «Leider fehlt eine weitsichtige Politik. Heute dominieren kurzfristig gedachte Sparübungen.»

Beobachter: Und wer soll diese Bildung finanzieren? Leute mit knappem Geld- und Zeit­budget dürften das aus eigener Kraft kaum hinbekommen.
Fredrich: Wir fordern eine allgemeine Weiter­bildungspflicht, vergleichbar mit der allgemeinen Schulpflicht. Also ein Recht auf und eine Pflicht zu Erst­ausbildung und Weiterbildung, die an den Arbeitsmarkt angepasst sind. Damit ist klar, dass die Weiterbildung auch eine staatliche Aufgabe ist und von Bund und Kantonen gemeinsam mit den Arbeitgebern oder Berufs­verbänden organisiert werden muss.

Beobachter: Weiterbildung als Obligatorium?
Fredrich: Genau. Das hiesse auch, dass Arbeitgeber verpflichtet wären, in die ­Weiterbildung ihrer Angestellten zu investieren. Heute tun sie das nur bei den ohnehin schon gut Qualifizierten, hauptsächlich bei Männern mit Vollpensen. Solange Weiterbildung nur auf Freiwilligkeit basiert, investiert kaum eine Firma Geld für die niedrig qualifizierten Angestellten. Wenn sie dagegen obligatorisch ist, schicken die Arbeitgeber ihre Leute an Fortbildungen, die marktgerecht sind, von denen die Firmen auch etwas haben. Damit würde auch die heute kleine Palette von Weiterbildungsmöglichkeiten auf tieferem Niveau grösser.

Beobachter: Von der Umsetzung eines solchen Plans sind wir weit entfernt.
Fredrich: Leider fehlt eine weitsichtige Politik. Heute dominieren kurzfristig gedachte Sparübungen. Das Parlament hat im Frühling einen Vorstoss abgelehnt, der den Bund beauftragen wollte, 50 Mil­lionen Franken in die Nachholbildung zu ­investieren. Und in der Sozialhilfe wurde der Grundbedarf reduziert. Wie soll denn da eine armutsbetroffene Person noch eine Ausbildung in Angriff nehmen? Sie hat ja schon genügend damit zu tun, mit den knappen Mitteln ihre Existenz zu sichern.

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Beobachter: Wäre nicht die Sozialhilfe genau die ­Institution, die da den Hebel ansetzen könnte? Sie ist nahe bei den Menschen, die in prekären Situationen leben, und weiss, was gut für sie wäre.
Fredrich: Die Sozialhilfe und auch die Arbeits­losenversicherung hätten tatsächlich die Möglichkeiten, diese Leute darin zu unterstützen, sich durch qualifizierende Bildung auf dem Arbeitsmarkt besser zu positionieren; die ALV hat mit den Ausbildungszuschüssen gar ein Instrument dazu. Aber statt in nachhaltige Bildungsmassnahmen zu investieren, setzen sie Druck auf, damit die Betroffenen möglichst schnell wieder irgendwo im Arbeitsmarkt ­unterkommen. An der prekären Lage der Betroffenen ändert sich dadurch häufig nichts.

Beobachter: Welche Lösungsansätze gibt es ­stattdessen?
Fredrich: Zum Beispiel dass man Sozialhilfeempfänger mit Ausbildungsstipendien unterstützt. Die entsprechenden Projekte im Kanton Waadt sind ein erfolgreiches Beispiel dafür. Es ist ein guter Ansatz, um Armutsbetroffenen einen Berufsabschluss und ein existenz­sicherndes Einkommen zu ermöglichen. Im Gegenzug bekommen wir Fachkräfte, die die Wirtschaft benötigt. Und günstiger ist es für die Sozialwerke letztlich auch.

Beobachter: Bildung statt Sozialhilfe – wird sich 
ein solches Rezept durchsetzen?
Fredrich: Es ist zu hoffen, dass sich in der Politik die Erkenntnis durchsetzt, dass man niedrig Qualifizierte nicht einfach mit ein paar Kursen zurück ins Erwerbs­leben bringt, sondern sie mit qualifizierender Bildung unterstützen muss. Notwendig ist ein politisches Bekenntnis zu einer investiven Sozialpolitik. Einer Politik also, die Armut verhindert, indem sie in die Ausbildung der Menschen investiert. Das wäre langfristig eine wirksame Armutspolitik.

Autor:
  • Markus Föhn
  •  und Daniel Benz
Bild:
  • Luxwerk  
11. November 2016, Beobachter 23/2016

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