Jenische Warme Worte für die Opfer

«Ich scheue mich nicht, mich in der Öffentlichkeit zu entschuldigen»: Bundespräsident Alphons Egli, 1986.

Vor 30 Jahren entschuldigte sich die Schweiz für die Verfolgung der Jenischen – auch auf Druck des Beobachters. Doch die Aufarbeitung ist stecken geblieben.

Sie waren «Zigeuner» und «Vaganten». Unfähig, «zielbewusst zu denken und zu handeln», wie die «Neue Zürcher Zeitung» noch 1963 schrieb. «Typische Charaktereigenschaften sind das unsorgfältige Umgehen mit Hab und Gut, ihre Schlampigkeit und ihr Leichtsinn.» Jenische waren «fahrendes Volk» und lebten damit eine Kultur, die in der Schweiz fehl am Platz war. Am besten also, ihr ein Ende zu bereiten. Das «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse», der Stiftung Pro Juventute zuge­hörig, kümmerte sich darum. Rund 600 jenische Kinder entriss sie ab 1926 ihren Familien, um sie sesshaft zu machen, ab 1927 mit Bundesgeldern. Verfrachtete sie in Heime, Anstalten, Pflegefamilien. Verdingte sie. Gab sie zur Adoption frei. Unterband jeglichen Kontakt zu den Eltern.

Uschi Waser ist eines dieser Kinder. 1953 der Mutter weggenommen, aufgewachsen in mehreren Heimen. Vor 30 Jahren kam endlich der Tag, an dem sie glaubte, die Jenischen würden Gerechtigkeit erfahren. Heute sagt sie: «Unsere Hoffnungen haben sich nicht erfüllt. Die Opfer von damals leiden noch immer, sie schlagen sich mit einer knappen AHV-Rente gerade so durchs Leben.»

«Unterstützung von Bundesgeldern»

Dabei ist der 3. Juni 1986 ein hoffnungsvoller Tag. Sommersession, der Nationalrat diskutiert den Geschäftsbericht des Bundesrats vom Vorjahr. Kapitel für Kapitel arbeiten sich die Parlamentarier vor. Dann das Thema Stiftungsaufsicht. Zwei Nationalräte verlangen Details zur Pro Juventute und ihrem 1973 geschlossenen «Hilfswerk für die Kinder der Landstrasse»: Die Stiftung ist in den Schlagzeilen, weil Jenische die Herausgabe von Akten verlangen, die organisierten Kinderraub belegen sollen.

Das Thema fällt ins Innendepar­tement von Bundespräsident Alphons Egli. Und dieser setzt zu einem Statement an, das es in sich hat: Es stimme, dass – «sogar mit Unterstützung von Bundesgeldern» – Kinder von Fahrenden ihren Familien weggenommen wurden, spricht er in die Mikrofone am Rednerpult. Um anzufügen: «Was den Bund anbelangt, gebe ich meinem Bedauern Ausdruck, dass Bundeshilfe hierzu geleistet wurde. Ich scheue mich sogar nicht, mich in der Öffentlichkeit dafür zu entschuldigen, dass dies vor mehr als zehn Jahren passieren konnte.»

Uschi Waser gehörte damals zu den Aktivisten, die die Aktenherausgabe forderten. Sie hat diese Worte noch heute präsent. Egli habe einen neuen Ton angeschlagen. «Jahrelang hatte uns niemand ernst genommen. Seine Entschuldigung hiess, dass uns die offi­zielle Schweiz anerkannte.» Bei den Jenischen habe Aufbruchstimmung geherrscht.

So berichtete der Beobachter am 31. Dezember 1984 in einer Titelgeschichte über den Fall.
Und hier ein Beobachter-Artikel vom 4. April 1997.

Ein Zeichen mit wenig Wirkung

Auch für Thomas Huonker, ­damals ein junger Historiker, der sich für das «Hilfswerk» zu interessieren begonnen hatte, waren Eglis Worte ein Signal. «Er demonstrierte, dass auch eine Institution in der Lage ist, sich zu entschuldigen», sagt er.

Erst einen Monat zuvor hatte die Pro Juventute genau diese Entschuldigung abgelehnt. Gleichzeitig, sagt Huonker, habe Egli aber erkannt, dass der Bund in Kritik geraten könnte, wenn er sich des Themas nicht annehme. «Mitte der achtziger Jahre schwante einer breiten Öffentlichkeit, dass es im mustergültigen Rechtsstaat Schweiz ein Kellergeschoss gab, von dem nur wenig publik wurde.»

Doch es gelangt auch nach Eglis Entschuldigung und der Überführung der Akten ins Bundesarchiv nur zögerlich Licht ins Dunkel. Die Politik verspricht zwar wortreich Aufarbeitung, doch was dabei herausschaut, ist dürftig. Von 1989 bis 1992 stellt der Bund elf Millionen Franken für Entschädigungszahlungen zur Verfügung. Gut 2000 Jenische melden Ansprüche an. Doch die Auszahlung stösst auf Kritik. Zuerst gibt es Berichte über Unregelmässigkeiten, dann haftet ihr etwas Überhastetes an. Die Betroffenen werden kaum angehört, die Entschädigung wird ihnen nur mündlich mitgeteilt. Wer sich zu spät meldet, geht leer aus – etwa Personen, die erst Anfang der neunziger Jahre erfahren, dass sie jenischen Eltern weggenommen worden waren.

«In der mustergültigen Schweiz gab es ein Kellergeschoss, von dem nur wenig publik wurde.»

Thomas Huonker, Historiker

Auch die historische Aufarbeitung schleppt sich hin. Eine Vorstudie, die Thomas Huonker 1987 erstellt, landet in der Schublade. Erst 1998 präsentiert der Bund eine Studie, die aufzeigt, wie das «Hilfswerk» mit Unterstützung von Bund und Kantonen systematisch Jagd auf Jenische machte. Sie kommt zum Schluss: «Dieses Vorgehen muss als Verfolgung charakterisiert werden.» Und: «Die Kultur der Fahrenden wurde zwar nicht vollständig, aber weitgehend zerstört.» Die Autoren empfehlen weitere Forschungen – neben Pro Juventute hätten auch andere Institutionen jenische Familien aus­einandergerissen.

Viel mehr passiert nicht. «Die Aufarbeitung des Themas ist auf halbem Weg stecken geblieben», kritisiert Angela Mattli von der Gesellschaft für bedrohte Völker. Der Bund nehme seine Verantwortung gegenüber dieser Minderheit zu wenig wahr. Dazu gehöre auch, dass das Kapitel der Kindswegnahmen bis heute nicht in den offiziellen Schulbüchern steht. «Die meisten Jugendlichen haben noch nie davon gehört, dass in der Schweiz bis vor ­wenigen Jahrzehnten eine Minderheit brutal verfolgt worden ist», sagt sie.

«Die Opfer sterben langsam weg»

Neuen Auftrieb für alte Forderungen gibt es erst in jüngster Zeit: durch die Wiedergutmachungsinitiative, die Ende 2014 eingereicht wurde. Sie verlangt eine Entschädigung für die Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen. Der Bundesrat schlägt vor, jedem Opfer zwischen 20'000 und 25'000 Franken auszuzahlen – «als klares Zeichen der Anerkennung des Unrechts und Ausdruck gesellschaftlicher Solidarität». Gleichzeitig sollen ein nationales Forschungsprogramm lanciert werden und die Erkenntnisse in Lehrmittel einfliessen. Der Nationalrat hat die Vorlage im April gutgeheissen. Uschi Waser schöpft 30 Jahre nach der Entschuldigung von Bundesrat ­Egli noch einmal Hoffnung. «Es ist aber höchste Zeit. Die Opfer sterben langsam weg.»

Ernüchtert über das langsame Tempo ist jener Mann, der den orga­nisierten Kinderraub des «Hilfswerks» als Erster publik gemacht hat: Hans Caprez, Beobachter-Redaktor von 1971 bis 1998. «Es ist beschämend für dieses Land, dass es die Opfer der eigenen menschenverachtenden Politik so lang allein lässt», sagt der 76-Jährige.

«Ich war erschüttert»

Caprez ist erst seit ein paar Monaten beim Beobachter, als 1971 eine Jenische in der Redaktion steht und Unglaubliches erzählt: Als kleines Mädchen sei sie den Eltern weggenommen, von einem Pflegeplatz zum nächsten geschoben, als erwachsene Frau eingesperrt, verfolgt worden. Seit 20 Jahren habe sie keine Nachricht von ihren fünf Kindern, die ihr weggenommen worden seien. «Ich war erschüttert», erinnert sich der Journalist. «Ich konnte mir nicht vorstellen, dass so etwas bei uns möglich war.»

Er wird bei Pro Juventute vorstellig. Ihm wird ein Bundesgerichtsurteil präsentiert, wonach der Frau die elterliche Obhut zu Recht entzogen worden war. «Ich hätte die Sache damit abhaken können, aber ich war misstrauisch geworden. Irgendwie wirkte die Frau überzeugender als das Gericht.»

«Ich fand heraus, dass nichts gegen die Frau vorlag – ausser, dass sie eine Fahrende war.»

Hans Caprez, Journalist beim Beobachter von 1971 bis 1998

Mehrmals besucht Caprez sie in ­ihrem Wohnwagen, beginnt zu recherchieren. Findet den Polizeikommissär, der die hochschwangere Jenische 1952 abführen liess. Die Hebamme, die das Kind zur Welt brachte, bevor es ihr weggenommen wurde. «Ich fand heraus, dass nichts gegen die Frau vorlag – ausser, dass sie eine Fahrende war.»

Im April 1972 publiziert der Journalist den Fall. Titel: «Fahrende Mütter klagen an». Echo: überwältigend – allerdings vor allem negativ. Pro Juventute ist eine angesehene Institution des Bürgertums. «Wir hatten Tausende von Abokündigungen», erinnert sich Caprez. «Alles wohlanständige Bürger, die nicht sahen oder nicht sehen wollten, was mit den Jenischen lief.»

Caprez dagegen sieht immer klarer. Er sucht Jenischen-Standplätze auf, stösst auf Menschen, die seit Jahren ihre Geschwister oder Kinder suchen. Auf Geschichten von Zwangsadoptionen, sexuellen Übergriffen und «Nacherziehung» in Strafanstalten.

Vier Artikel legt der Beobachter nach, bis er 1973 verkünden kann: «Kritisierte Abteilung aufgelöst». Pro Juventute macht ihr «Hilfswerk» dicht. «Das war ein journalistischer Erfolg», sagt Caprez. «Allerdings ist das jetzt über 40 Jahre her – und wir sind mit der Aufarbeitung noch immer nicht dort, wo wir sein sollten.»

Immerhin scheint nun der Kurs zu stimmen. Wenigstens, was die Opfer betrifft. Anders sehe es beim Umgang mit den aktuell fahrenden Jenischen aus, bemängelt Angela Mattli von der Gesellschaft für bedrohte Völker. Die gut 35000 Jenischen sind seit 1998 zwar als Minderheit anerkannt, und die knapp 3000, die mit ihren Wohnwagen unterwegs sind, haben laut Bundesgericht Anspruch auf genügend Plätze. Doch davon gibt es immer weniger. «Darum besetzen Jenische seit ein paar Jahren auch wieder leere Grundstücke», so Mattli. Ihr Fazit: «Jenischen, die die fahrende Lebensweise pflegen wollen, werden noch immer Steine in den Weg gelegt.»

Podiumsdiskussion

Was hat die Schweiz aus dem dunklen Kapitel gelernt?

An der von der Gesellschaft für bedrohte Völker organisierten Podiumsdiskussion «Gegen das Vergessen» gehen der Historiker Thomas Huonker, der Ex-Beobachter-Redaktor Hans Caprez sowie die Jenischen Uschi Waser und Sandra Gerzner dieser Frage nach.

Donnerstag, 2. Juni, 18.30 Uhr, PROGR-Aula, Waisenhausplatz 30, 3011 Bern. Eintritt frei.

Autor:
  • Markus Föhn
Bild:
  • Arno Balzarini/Keystone
27. Mai 2016, Beobachter 11/2016

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