Kurz vor Mittag, Fussgängerzone Untertor in Winterthur. Passanten flanieren, betrachten die Schaufensterauslagen, strömen in die Geschäfte oder laufen Richtung Bahnhof. Plötzlich kommt Hektik auf. Ein Mann in schwarzer Lederjacke pöbelt, wird zunehmend gereizter: «Komm schon, tu doch nicht so! Du bist doch eine schöne Frau, du gefällst mir!», ruft er und packt die Angesprochene am Ärmel. Sie versucht sich loszureissen, er lässt nicht von ihr ab. «Ich kenne Sie gar nicht, lassen Sie mich in Ruhe!», schreit die Frau jetzt. Kein Zweifel, sie braucht Hilfe.

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Wer zeigt Zivilcourage – und wer nicht?

Manche Passanten bleiben stehen, beobachten aus sicherer Distanz. Andere blicken kurz hin oder gehen vorbei, ohne eine Miene zu verziehen. Aus dem Schnellrestaurant stürmt ein junger Mann auf die beiden zu. Ohne Vorwarnung stösst er den Pöbler von der Frau weg und baut sich drohend vor ihm auf. Dieser hebt sofort besänftigend die Hand und sagt: «Alles in Ordnung, es ist alles nur gespielt.»

Heinz Brunner ist Laienschauspieler. Er und seine Kollegen Simone Schmid und Florian Andreas Künzli inszenieren im Auftrag des Beobachters Gewaltszenen. Ziel des Sozialexperiments: herauszufinden, ob Passanten eingreifen, wenn mitten in einer Fussgängerpassage eine Frau belästigt wird – oder ein Mann einen anderen attackiert.

Einige Passanten gehen sofort dazwischen – so auch Fabian Steiner. Für ihn ist klar: «Ich wollte helfen. Ich sass im Restaurant und sah, wie der Mann die Frau schubste und packte und dass niemand eingriff. Das hat mich schockiert. Ich wäre auch bereit gewesen, härter einzugreifen, um sie zu schützen.»

Sehen Sie hier das Video zum Experiment:

Schauthin.ch – Unterstützen Sie Zivilcourage

Wünschen Sie sich auch eine Gesellschaft, die mitfühlend reagiert, und mehr Menschen, die sich in schwierigen Situationen nicht wegdrehen? Dann zählen wir auf Sie! Denn die Schweiz braucht mehr mutige Menschen mit Zivilcourage, die unerschrocken und mit Hingabe für eine Idee kämpfen – zugunsten einer offenen, solidarischen und fairen Schweiz.

Der Beobachter lanciert deshalb die Kampagne #Schauthin für mehr Zivilcourage im Alltag. Auf www.schauthin.ch können Sie Ihr Bekenntnis dazu abgeben – mit Namen, mit einem Bild und einem kurzen Zitat zum Thema selbstloser Mut.

Kandidaten für den Prix Courage gesucht
Ebenfalls sind wir auf der Suche nach Heldinnen und Helden jeden Alters, die durch ihren selbstlosen Einsatz anderen geholfen haben – auch wenn sie dafür Nachteile in Kauf nehmen mussten oder sich dadurch selbst in Gefahr gebracht haben. Für Kandidaten bis und mit 17 Jahren gibt es seit vergangenem Jahr die neue Kategorie Prix Courage Next Generation.

Kennen Sie solche Menschen? Dann besuchen Sie www.schauthin.ch und schlagen couragierte Leute als Kandidaten für den Prix Courage vor.
Weitere Infos zum Prix Courage: www.beobachter.ch/prix-courage

«‹Stopp› kann keiner falsch verstehen»

Auch Elvira Bytyqi zögert nicht, einzugreifen. Sie schaut der Szene eine Weile zu, steht dann ruckartig auf, läuft energisch auf Brunner zu und ruft: «Hallo! Was machen Sie da?»

Die Angegriffene habe «Stopp» gerufen, erzählt Elvira Bytyqi später. «Das war für mich der Moment, um einzugreifen. Denn ‹Stopp› bedeutet ‹Stopp›, das kann keiner falsch verstehen.»

Nicht alle sind so furchtlos. Viele hatten Angst einzugreifen. Vor allem Frauen mit Kindern äusserten sich so. Etwa die Grossmutter Evelyne Bräm und ihre Tochter Nicole Sigrist, die ihre beiden kleinen Kinder dabeihatte. Sie habe gesehen, dass ein Mann auf seinem Handy eine Nummer eingetippt habe, und gedacht, der rufe die Polizei. «Ich wollte aber schnell weg, um die Kinder nicht in Gefahr zu bringen», sagt sie. Ihre Tochter fügt hinzu: «Man weiss heute nie, ob nicht einer ein Messer zieht.»

«Ich glaube, in der Schweiz gibt es zu wenig Zivilcourage, weil man Angst hat, dass einem selbst etwas passiert.»

Fabian Steiner

Quelle: Gerry Nitsch

«Ich hoffte, mir würde geholfen, wenn ich mal unter die Räder käme.»

Adriana Peluso

Quelle: Gerry Nitsch

«Die Frau wollte nichts mit dem Mann zu tun haben, und er liess trotzdem nicht locker. Ich fand: Jetzt ists genug.»

Cyrill Kernwein

Quelle: Gerry Nitsch

«Man muss nicht den Helden spielen, um Zivilcourage zu zeigen. Sondern erst einmal auf die innere Stimme hören, die einem sagt: ‹Was da passiert, ist nicht in Ordnung. Und ich könnte, ich sollte etwas tun›», sagt Andi Geu. Er organisiert Stadtrundgänge für den Schweizer Verein National Coalition Building Institute, bei denen die Teilnehmer mit gespielten Gewaltszenen und Übergriffen konfrontiert werden. Sie können testen, wie sie mit einer solchen Situation umgehen. Ziel des Trainings: Zivilcourage aktiv üben, um für den Ernstfall besser gewappnet zu sein.

Jede Situation ist wieder anders und erfordert ein angepasstes Verhalten. Trotzdem gibt es laut Geu einige allgemeine Punkte, die es immer zu beachten gilt.

Verhaltenstipps vom Experten:

  • Beobachten Sie zuerst, um abzuschätzen, wie «heiss» die Situation bereits ist.
  • Versuchen Sie, ruhig zu bleiben und die Situation zu entspannen.
  • Provozieren, berühren oder beleidigen Sie die Angreifenden nicht.
  • Nehmen Sie (Augen-)Kontakt mit dem Opfer auf.
  • Versuchen Sie in erster Linie, das Opfer zu schützen – und nicht, den Täter oder die Täterin zu erziehen.
  • Machen Sie andere Zeugen und Zeuginnen auf Ihre Situation aufmerksam; greifen Sie nicht allein ein, wenn es sich bereits um eine körperliche Eskalation handelt.
  • Holen Sie Hilfe, wenn eine eigene Intervention zu gefährlich ist.

Was tun, wenn niemand hilft?

  • Versuchen Sie, im Ton und im Verhalten ruhig zu bleiben.
  • Vermeiden Sie es, den Angreifer anzufassen. Halten Sie einen Sicherheitsabstand von einem Meter ein.
  • Suchen Sie ruhig, aber bestimmt das Gespräch. Siezen Sie den Angreifer.
  • Provozieren, drohen oder beleidigen Sie nicht.
  • Machen Sie Zeugen und Zeuginnen auf die Situation aufmerksam. Sprechen Sie Umstehende gezielt an, um Hilfe zu holen, etwa: «Sie mit der roten Mütze. Stehen Sie auf und helfen Sie mir. Sie mit der schwarzen Lederjacke, rufen Sie die Polizei.»
  • Versuchen Sie, im Ton und im Verhalten ruhig zu bleiben.
  • Vermeiden Sie es, den Angreifer anzufassen. Halten Sie einen Sicherheitsabstand von einem Meter ein.
  • Suchen Sie ruhig, aber bestimmt das Gespräch. Siezen Sie den Angreifer.
  • Provozieren, drohen oder beleidigen Sie nicht.
  • Machen Sie Zeugen und Zeuginnen auf die Situation aufmerksam. Sprechen Sie Umstehende gezielt an, um Hilfe zu holen, etwa: «Sie mit der roten Mütze. Stehen Sie auf und helfen Sie mir. Sie mit der schwarzen Lederjacke, rufen Sie die Polizei.»
  • Wichtig vor allem aber ist: Nutzen Sie jede Möglichkeit zur Flucht, wenn Sie merken, dass sich mit Worten nichts ausrichten lässt.