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Alleinerziehende
Alles andere als kinderleicht
Oft leben Alleinerziehende am Rand der Armutsgrenze. Die Politik verspricht Besserung. Doch darauf können viele nicht warten. Sie sind jetzt auf Hilfe angewiesen – auch auf SOS Beobachter.
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Die Behandlung war nicht mehr zu vermeiden: Der abgebrochene Zahn behinderte Helmut Schmid von Tag zu Tag mehr. Um Kosten zu sparen, ging der allein erziehende Vater nach Deutschland. Ein halbes Jahr später musste er die Behandlung unterbrechen, nicht nur aus medizinischen Gründen – «auch mangels Geld», wie er freimütig sagt (siehe Artikel zum Thema «Helmut Schmid: Meine Wohnung putze ich selber).
Helmut Schmid steht für die zunehmende Zahl von Alleinerziehenden, die sich an die Stiftung SOS Beobachter wenden, weil sie ihre Grundbedürfnisse nicht mehr finanzieren können. Drei von zehn Einelternfamilien leben trotz Erwerbstätigkeit unter dem Existenzminimum, zählen also zu den Working Poor.
Doch die Benachteiligung geht weit übers Finanzielle hinaus:
- Alleinerziehende sind die Bevölkerungsgruppe mit der höchsten Arbeitsbelastung; im Durchschnitt wenden sie fast 70 Stunden pro Woche für Erwerbs-, Haus- und Betreuungsarbeit auf.
- Einkommensschwache Menschen sind häufiger krank und stärker von Stress belastet als Besserverdienende. Jeder Neunte verzichtet sogar auf dringend nötige Zahnbehandlungen.
- Die allgemeine Lebenszufriedenheit von Alleinerziehenden ist deutlich tiefer als beim Durchschnitt der Bevölkerung.
- Kinder aus Einelternfamilien besuchen weniger häufig weiterführende Schulen, obwohl sie in Leistungstests oft besser abschneiden als Kinder aus traditionellen Familien. Viele treten früher in den Beruf ein und absolvieren eine kürzere Ausbildung. Doch je kleiner der Schulsack ist, desto grösser ist das Armutsrisiko.
- Das revidierte Scheidungsrecht unterlässt es, den Lebensunterhalt der Kinder zu sichern. Gehen Alleinerziehende aber zum Sozialamt, verschulden sie sich langfristig, denn Sozialhilfe muss zurückbezahlt werden.
Kampf gegen die Armut
Einelternfamilien sind zwar immer noch eine Minderheit, aber eine stark wachsende: Ihr Anteil an den Haushalten mit Kindern ist seit 1970 von zehn auf gut 15 Prozent gestiegen. 125'000 minderjährige Kinder leben in diesen Haushalten. Einer von sieben Alleinerziehenden ist ein Mann.
Nachdem die Politik die schwierigen Lebensbedingungen von Einelternfamilien über lange Jahre ignoriert hatte, beginnt sie jetzt zu reagieren. Bis Ende Juni noch ist ein Gesetzesentwurf in der Vernehmlassung, der korrigieren will, was der erläuternde Bericht wie folgt diagnostiziert: «Die Leistungen für bedürftige Familien sind die Schwachstelle der Familienpolitik in der Schweiz.» Folglich sollen die Kantone verpflichtet werden, Not leidenden Familien künftig Ergänzungsleistungen zu zahlen – ein System, das sich bei AHV und Invalidenversicherung bewährt hat. Dies dürfte, so der Bericht, «gesamtschweizerisch zu einer erheblichen Verringerung der Armutsquote in dieser Bevölkerungsgruppe führen».
SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr, eine der Initiantinnen dieser Lösung, ist zuversichtlich, dass der endgültige Gesetzestext «bereits in der Wintersession in den Erstrat kommt und, falls die CVP Wort hält, eine Mehrheit findet» – zumal der Vorschlag starke Anreize enthalte, damit die Bezügerinnen und Bezüger einer Erwerbstätigkeit nachgingen.
Handlungsbedarf besteht auch bei den Kinderalimenten. Denn überweist die zahlungspflichtige Person den vereinbarten Betrag zu spät oder überhaupt nicht, «wird der Lebensunterhalt zur Lotterie», wie sich Karin von Flüe vom Beobachter-Beratungszentrum ausdrückt. Grund dafür ist der föderalistische Wirrwarr bei der Bevorschussung von Alimenten durch die Gemeinden.
Alimente-Lösung auf Bundesebene
Gemeinsam ist allen Kantonen einzig, dass die Höhe der Bevorschussung begrenzt ist – und in der Regel deutlich unter dem geschuldeten Betrag liegt. Im Wallis zum Beispiel sind es nur 350 Franken pro Kind. Zudem führe der Spardruck in den Kantonen dazu, so Karin von Flüe, «dass die Leistungen immer mehr eingeschränkt werden. Zum Beispiel indem die Bevorschussung plötzlich auch vom Einkommen des neuen Lebenspartners abhängig sein soll.»
Die zuständige Kommission des Nationalrats strebt eine Lösung auf Bundesebene an: Mit einem Rahmengesetz sollen die kantonalen Regeln harmonisiert werden – und damit die Betroffenen mehr Sicherheit erhalten, falls die Alimente ausbleiben. Was keine Seltenheit ist: Bei Erhebungen in Deutschland gaben vier von zehn Befragten an, dies geschehe zumindest zeitweise.
Bei Helmut Schmid war die Sache immer klar: Seine Exfrau zahlte nie Alimente. «Ich bin halt sehr gutmütig, vielleicht zu gutmütig», sagt er. Umso dankbarer ist er, dass SOS Beobachter ihn unterstützte: Die Stiftung, die sich aus Spenden der Leserinnen und Leser finanziert, übernahm den letzten Teil seiner Zahnbehandlung.
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© Beobachter Ausgabe 12 vom 10. Jun 2004 - Alle Rechte vorbehalten

