Beatrice: «Ich habe es zu nichts gebracht»

Ausgabe:
12/00

Die heute 29-jährige Beatrice lebt von der Sozialhilfe. Als Kind litt sie unter ihrem alkoholkranken Vater.

«Meine Kindheit verbrachte ich in Notwohnungen. Mein alkoholkranker Vater war gewalttätig. Wenn Mutter ihm kein Geld für den Schnaps gab, schlug er sie. Ich stellte mich oft vor sie; dann schlug er auch mich.

Die andern Kinder trugen oft neue Kleider. Meine waren bereits von anderen getragen. Ich fiel auf. Aber ich merkte, dass nicht mehr drinlag.

Ich konnte nicht an den Schullagern teilnehmen – und auch auf Turnverein und Trommlerclique musste ich verzichten. Die Mitgliederbeiträge waren zu hoch.

Ich ging gern zur Schule.

Es hiess immer: "Du bist begabt!" Doch zu Hause Aufgaben zu machen war ein Horror – wegen Vaters Brüllerei. Ich lernte wenig, eigentlich nichts.

Mutter arbeitete. Die fünf Franken Taschengeld, die es manchmal gab, steckte ich ins Sparschwein. Einmal schlug es Vater kaputt. Er brauchte Geld für Alkohol. Mit 14 packte ich den Koffer und zog zu meiner Freundin. Doch die Polizei griff mich auf, und man steckte mich in ein Heim.

Eine Ausbildung habe ich nicht gemacht. Ich arbeitete als Aushilfe in der Zentralwäscherei, als Floristin, Packerin, in einer Rollladenfirma, in einem Spital. Heute erhalte ich 2058 Franken von der Fürsorge. Wenns hoch kommt, kann ich alle vier Monate mal zum Coiffeur.

Mein Hausrat besteht aus Geschenken von Freundinnen und Freunden. Das ist schön. Aber auch ein Albtraum.

Ich habe gekrampft und gekrampft – und habe es zu nichts gebracht.

Mein Ziel? Eine gute Frage! Endlich eine Ausbildung machen, das wäre schön. Doch ich habe den Glauben daran verloren. Ich war schon auf so vielen Wartelisten – und immer hat man mich wieder gestrichen.»

© Beobachter Ausgabe 12 vom 09. Jun 2000 - Alle Rechte vorbehalten

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