Schweiz: Solidarischer, als man denkt

Text:
  • Urs Zanoni
Ausgabe:
12/03

Spenden, Freiwilligenarbeit, Solidaritätsaktionen – nach wie vor ist die Hilfsbereitschaft hierzulande gross. Doch sie hat auch Tücken: Spardruck und Wirtschaftsflaute verleiten staatliche Stellen, soziale Aufgaben an Private zu delegieren.

Sind Sie solidarisch? Aber sicher, werden Sie sagen. Doch haben Sie für die Mutterschaftsversicherung gestimmt? Oder für die Solidaritätsstiftung? Oder für die Behinderteninitiative? Alle drei Vorlagen wurden abgelehnt.

Nicht nur die Entscheide an der Urne lassen darauf schliessen, dass die helvetische Solidargemeinschaft einige Lücken aufweist: Die Jungen bangen um ihre AHV- und BVG-Renten und fordern einen neuen Generationenvertrag. Der Ruf nach einer eigenständigen Pflegeversicherung für Personen über 50 wird immer lauter. Die Behinderteninitiative wurde – unter anderem – verworfen, weil ihre Forderungen zu teuer waren. Und Bundespräsident Pascal Couchepin lässt kein Tabu aus, wenn es um die Zukunft der Sozialwerke geht.

Fazit: Solidarität ja, aber nicht um jeden Preis. Vor allem wenn sie – wie bei den Sozialversicherungen – staatlich verordnet ist.

Anderseits zeigt eine Reihe von Belegen, dass die freiwillig wahrgenommene Solidarität intakt ist: Jeder Haushalt spendet im Durchschnitt rund 500 Franken pro Jahr an gemeinnützige Organisationen – das sind 1,5 Milliarden Franken. Jeder Vierte über 15 arbeitet jeden Monat 14 Stunden lang ehrenamtlich in einer Organisation mit; das ergibt 250 Millionen Stunden pro Jahr oder gut 120000 Vollzeitstellen. Und fast ebenso viele Leute engagieren sich freiwillig für Mitmenschen: Sie kaufen für Betagte und Behinderte ein, hüten Kinder oder machen Besuche in Alters- und Pflegeheimen. Das entspricht nochmals 300 Millionen Stunden oder 145000 Vollzeitstellen.

20 Milliarden Franken pro Jahr oder den letztjährigen Umsatz der Migros sind diese Leistungen der Freiwilligen wert. Würden sie streiken, stünde die Gesellschaft still.

Viele freiwillige Helfer

Hansueli Langenauer, Flugberater bei der Swiss, ist seit zehn Jahren als freiwilliger Beistand tätig. Am Anfang stand die Lust, «den inneren Horizont» zu erweitern (siehe Porträt auf Seite 23). Heute ist der gelernte Elektriker überzeugt, dass Solidarität der «gesündeste Stressabbau» für gestresste Zeitgenossen sei.

Die grosse Zahl freiwilliger Helfer widerspricht dem allgemeinen Lamento über die «Egogesellschaft», die die Entsolidarisierung beschleunigen soll – ganz abgesehen davon, dass diese Klage alles andere als neu ist.

Schon der deutsche Satiriker Kurt Tucholsky schrieb boshaft: «Wir besetzen das Theater des Lebens so: Ich. Dann eine ganze Weile gar nichts. Dann eine unübersehbare Statisterie: die anderen.»

Die Theologin Silvia Strahm Bernet sieht in der Individualisierung kein Hindernis, um solidarisch zu sein (siehe Nebenartikel «Jeder ist auf andere Leute angewiesen»). Ganz im Gegenteil: «Die Vereinzelung fördert das Bedürfnis nach Gemeinsinn. Denn kaum ein Mensch kann ohne soziale Beziehungen wirklich gut leben.»

Auch die spontanen Solidaritätsaktionen, die jede Woche irgendwo in der Schweiz stattfinden, zeigen eindrücklich, dass sich Individualismus und Wir-Gefühl nicht ausschliessen:

  • Die Winterthurer Kantonsschule Büelrain sammelt mit Tombola, Kuchenverkauf und Sandwiches Geld für ihre hochwassergeschädigte Partnerschule in Eilenburg bei Leipzig.

  • Der Gemeinderat und die Primarschulpflege von Aesch starten eine Unterstützungsaktion für eine Familie, deren Scheune abgebrannt ist.

  • In Uerkheim fährt ein Feuerwehrmann einen Löschwagen ohne den nötigen Ausweis und verursacht einen Unfall. Die Einwohner sammeln Geld für den Schaden, für den er selber aufkommen muss.
    wVertreter der Sans-Papiers besetzen verschiedene Kirchen in Bern, Basel und Zürich.

  • In Münchenbuchsee sammeln Schulkinder 670 Unterschriften gegen die Rückschaffung einer Familie in das Kosovo.

  • Die Betreiber von drei Skiliften in Beatenberg erhalten Spenden von insgesamt 74000 Franken.

Die grosse Hilfsbereitschaft hat allerdings Tücken: Der ständig steigende Spardruck, ausgelöst durch Steuersenkungen und Wirtschaftsflaute, verleitet staatliche Stellen dazu, soziale Aufgaben in den Privatbereich zu verlagern. «Wir erhalten vermehrt Gesuche von Sozialämtern und Fürsorgebehörden für Leistungen, die sie selber finanzieren müssten», sagt Thomas Schneider, Leiter der Koordinationsstelle Stiftung SOS Beobachter.

Diese Entwicklung belastet vor allem jene Menschen, die auf der untersten Stufe des Sozialsystems stehen: 300000 Personen sind in der Schweiz auf Sozialhilfe angewiesen.

Besonders krass ist die Situation im Kanton St. Gallen. Hier hat das Verwaltungsgericht entschieden, dass die Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS) nicht länger als verbindlich gelten und «gewisse Pauschalen» auch unterschritten werden dürfen.

Im Klartext bedeutet dies: Das Gericht kündigt die Solidarität mit den Schwächsten gleich flächendeckend auf und überlässt sie der Willkür der örtlichen Behörden.

«Grundbedarf» reicht nicht

Die SKOS-Richtlinien bemessen den Grundbedarf einer vierköpfigen Familie mit 2205 Franken pro Monat. Darin eingeschlossen ist alles ausser den Wohnkosten und Ausgaben für die medizinische Grundversorgung. Essen und Trinken, Kleider und Schuhe, Strom und Wasser, Verkehrsauslagen, Körperpflege, nicht kassenpflichtige Medikamente, Telefon, Spielsachen, Mitgliedschaften, Ausflüge – alles für 551 Franken pro Person und Monat. Würde Ihnen das reichen?

Auch über die Freiwilligenarbeit werden staatliche Aufgaben schleichend privatisiert. In den Zürcher Altersheimen zum Beispiel sind heute zweieinhalbmal so viele Leute regelmässig gemeinnützig tätig wie 1997. Ueli Schwarzmann, der Direktor des zuständigen Amts, kommt in einer Analyse zum Schluss: «Mit Freiwilligenarbeit wird der Service public zu einem Service public plus.» Auffallend ist die hohe Solidarität der Älteren mit den Ältesten: Die überwiegende Mehrheit der Helferinnen und Helfer ist zwischen 50 und 70 Jahre alt.

So erfreulich diese Hilfsbereitschaft ist, so gross ist die Gefahr, dass sie missbraucht wird. «Es wäre fatal, den Sozialstaat stillschweigend abzubauen und die Lasten den Einzelnen aufzubürden», warnt Ueli Mäder, Soziologieprofessor und Autor des Buchs «Für eine solidarische Gesellschaft»: «Weniger Staat würde mehr private Überforderung bedeuten.»

Das gegenwärtige Klima schaffe aber auch Raum für zusätzliche Solidarität, glaubt Mäder. «Es gibt viele, die freiwillig mehr soziale Verbindlichkeit suchen, weil sie merken, dass es kühl geworden ist.»

«Die Schweiz ist ein eigenartiges Gebilde», sagte Bundesrat Kaspar Villiger letztes Jahr in einer Rede an der ETH Zürich: «Wir sind ein Konglomerat von Minderheiten. Vom Charakter her neigen wir zu Streitlust, Gezänk und Kritik.» Und doch halte das Land zusammen, nicht zuletzt wegen seiner Solidarität: «Immer wieder beschimpft oder belächelt, zerredet oder politisch missbraucht – aber unzweifelhaft wirksam.»

© Beobachter Ausgabe 12 vom 13. Jun 2003 - Alle Rechte vorbehalten

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