SOS Beobachter

Lehrbeispiel in Sachen Support

Text:
  • Edith Lier
Ausgabe:
24/02

Mit 27 nochmals die Schulbank drücken? Nicht leicht für eine allein erziehende Mutter. Dank SOS Beobachter war Manuela Eberle wenigstens die finanziellen Sorgen los.

Wie aus der Pistole geschossen kamen ihre Worte durchs Telefon: Manuela Eberle ist auf dem Sprung in die Schule. «Meine erste Stelle als gewählte Primarlehrerin», sprudelt es aus ihr heraus. «Und erst noch in einer Gesamtschule mit drei Klassen.» Zudem sitze unter den Abc-Schützen auch ihr Sohn Dario, und dann sei da noch die neue Wohnung und, und, und.

 

Seit die 30-jährige Alleinerziehende Mitte Juli ihre Ausbildung als Primarlehrerin mit den Bestnoten in Pädagogik und Psychologie abgeschlossen hat, herrscht bei ihr Um- und Aufbruchstimmung. «Ich fand kaum Zeit, das Diplom in Ruhe zu geniessen», sagt sie später bei einer Führung durch das schmucke Schulhaus auf dem Dorfhügel von Islisberg. Die neue Stelle zog einen Tapetenwechsel von der Grossstadt Zürich ins 400-Seelen-Dorf im Kanton Aargau nach sich. In ihrem künftigen Klassenzimmer gähnte beim Antritt nichts als Leere. «Es war ein ‹Chöpfler›, ein Sprung ins kalte Wasser», erinnert sich die frisch gebackene Lehrerin und wieselt durchs Zimmer. Dario zeigt stolz auf das niedrigste Pult im Kreis: «Hier sitze ich.»

 

Mit der Geburt von Dario hat für Manuela Eberle alles neu begonnen: der Alltag, die Arbeit, das Leben. Klare Berufsziele standen für sie nach Abschluss der Matur nicht im Vordergrund. Sie absolvierte zuerst einmal den Vorkurs für die Kunstgewerbeschule Zürich und arbeitete anschliessend während eines Jahres als Serviceangestellte in einer Beiz am Puls des Lebens. Dann wechselte sie als Logistikassistentin in eine pharmazeutische Kosmetikfirma.

 

 

Zu geringes Stipendium

Nach drei Jahren kam Sohn Dario zur Welt. «Nicht geplant, aber geliebt», strahlt die Mutter heute. Als Dario vier Monate alt war, fand Manuela Eberle für ihn einen Krippenplatz und ging später wieder auf Jobsuche – ohne abgeschlossene Ausbildung eine zermürbende Situation. So hielt sie mit 27 Jahren nach neuen Perspektiven Ausschau. Die Berufsberatung riet ihr zu einem Pädagogikstudium. Als allein erziehende Mutter wollte und konnte sie aber nicht ganze sechs Jahre die Schulbank drücken. Sie entschloss sich für das kürzere Primarlehrerseminar. Punkto Timing ging die Rechnung auf: Wenn sie zum ersten Mal Schule gibt, kommt Dario in die erste Klasse.

 

 

Einzig die Finanzierung hätte ihr einen Strich durch die Rechnung machen können. Manuela Eberle hatte keinerlei Reserven und beantragte beim Kanton ein Stipendium. Sie bekam monatlich 1200 Franken zugesprochen – bei einem Existenzminimum von 3000 Franken.

 

 

Breite Unterstützung

Kurz entschlossen nahm sie das Telefonbuch zur Hand und suchte nach Stiftungen, die sie unterstützen könnten. Glücklicherweise stiess sie auf Ruth Steinemann vom Evangelischen Frauenbund Zürich. Beharrlich schrieb die Sozialarbeiterin Institutionen und Organisationen in der ganzen Schweiz an, darunter auch die Stiftung SOS Beobachter.

 

 

15 private Einrichtungen erklärten sich bereit, zusammen für ein Zusatzstipendium von total 25'600 Franken aufzukommen. «Ohne diese langfristige finanzielle Unterstützung hätte ich mein Ziel nie erreicht», sagt Eberle. Zusätzlich fand sie bei der Familie und beim Vater des Kindes ein «emotionales Auffangnetz».

 

Heute fühlt sie sich an der Gesamtschule mit sieben Erst-, drei Zweit- und vier Drittklässlern in ihrem Element. Allerdings schwebte ihr bei der Stellensuche ein mittelgrosses Schulhaus vor mit zwei parallel geführten ersten Klassen, damit Dario unabhängig von ihr hätte eingeschult werden können.

 

Alles kam anders, als ihr die Gemeinde Islisberg aus heiterem Himmel eine Stelle anbot. Die engagierte Lehrerin nahm die Herausforderung an. Ihre ersten Erfahrungen aus dem Schulalltag: «Man kann nicht perfekt sein.»

 

© Beobachter Ausgabe 24 vom 29. Nov 2002 - Alle Rechte vorbehalten

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