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SOS Beobachter
Rechtshilfe in Sachen Nächstenliebe
Jahrelang opferte sie sich für die Brüder im Kapuzinerkloster auf. Dann kam ein neuer Chef und stellte die gelernte Schneiderin vor die Tür. Mit Unterstützung von SOS Beobachter bekam der Klostervorsteher Nachhilfe im Arbeitsrecht.
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Der Männerhaushalt im Kapuzinerkloster war alles andere als praktisch organisiert. Die Waschmaschine stand im Keller, getrocknet wurde die Wäsche aber an der Leine im Estrich. Das Bügel- und Nähzimmer war im ersten Stock, die Wäscheschränke jedoch befanden sich im zweiten. Gut sechs Jahre hielt Elisabeth M. den rund 40 Brüdern Kleider, Kutten und Haushaltwäsche in Ordnung – ein hartes Stück Arbeit. «Es war sehr streng», erzählt die gelernte Schneiderin, «doch ich konnte mir die Arbeit selber einteilen. Niemand redete mir drein.» Die schmutzige Wäsche musste Ende Woche einfach sauber, gebügelt und geflickt sein.
Für das Vertrauen, das ihr die Brüder entgegenbrachten, wurde der klösterliche Arbeitgeber mehr als belohnt. Elisabeth M. (Bild) war hoch motiviert. «Meine Arbeit war für mich nicht bloss ein Job, sondern eine Aufgabe.» Und Elisabeth M. wuchs an der ihr übertragenen Verantwortung: «Man traute mir diese Herausforderung zu, und ich meisterte die Arbeit zur allgemeinen Zufriedenheit», sagt die heute 55-Jährige mit einem Anflug von Stolz in der Stimme. Die Brudergemeinschaft war mit den Leistungen von Elisabeth M. denn auch sehr zufrieden. Jedes Jahr hob sie den Lohn ihrer Hausangestellten an.
Neuer Chef als Alleinherrscher
Als der Vorsteher des Konvents, bei den Kapuzinern Guardian genannt, in seiner sonntäglichen Predigt die Wichtigkeit von persönlicher und beruflicher Weiterbildung betonte, offenbarte ihm Elisabeth M. ihren Herzenswunsch: Sie wäre gern Kosmetikerin geworden, doch eine Weiterbildung konnte sie sich nicht leisten.
Die Reaktion ihres Vorgesetzten überstieg ihre Erwartungen. «Er unterstützte mein Vorhaben und bot mir an, mich bei vollem Lohn für die Ausbildung freizustellen.» Auch das Schulgeld wollte das Kloster übernehmen – «als Geschenk für treue Dienste». Und was ebenso wertvoll war: Der Guardian gab ihr Selbstvertrauen. Elisabeth M.: «Wenn ich verzagen wollte, machte er mir Mut. " Du schaffst diese Schule" , sagte er mir immer wieder.»
Ab August 1998 arbeitete Elisabeth M. nur noch einen Tag im Kloster und besuchte während des Rests der Woche die Kosmetikschule. Die Ausbildung forderte die Frau, die sich das Lernen nicht mehr gewohnt war. Es sei sehr streng gewesen, «doch der Unterricht hat mir sehr gut gefallen». Kam hinzu, dass den anderen, teilweise viel jüngeren Mitschülerinnen alles etwas leichter fiel. Damit es «im Kloster rund lief», ging Elisabeth M. zusätzlich an den Wochenenden arbeiten und nahm auch dieses oder jenes Kleidungsstück zum Ausbessern mit nach Hause.
Eigentlich hätte ihre Ausbildung bis Dezember gedauert, doch Elisabeth M. hielt die Belastung mit den durchgearbeiteten Wochenenden nur bis zum Oktober durch: Sie brach die Ausbildung ab. Der Hauptgrund war jedoch der Weggang ihres gütigen Mentors. «Auf einen Schlag war alles anders», sagt die Frau. Der neue Guardian sei ihr gegenüber so «gesprächig wie ein Fisch» gewesen. «Meinen Sie, der hätte mich gegrüsst oder mir mal schöne Ferien gewünscht?» Stumm habe er Dienstpläne erstellt und schriftlich angeordnet, was wann gemacht werden müsse; die Pläne heftete er kommentarlos an die Tür. «Er mischte sich in alles ein, liess sich aber nichts erklären.»
Sie habe immer wieder das Gespräch gesucht, sagt Elisabeth M. Doch die vom Guardian angesetzten Besprechungen machten die Verständigung nicht besser – im Gegenteil: «Es war, als redete ich an eine Wand», erinnert sich Elisabeth M. Sie sei oft verzweifelt gewesen. «Ich konnte einfach nicht verstehen, weshalb mich mein Vorgesetzter derart schikanierte.» Die ständigen Kontrollen und «die völlig unnützen Anordnungen» behinderten die Angestellte, die sich selbstständiges Arbeiten gewohnt war. So könne sie den reibungslosen Arbeitsablauf nicht mehr garantieren, sagte sie dem Guardian. «Ich trat die Verantwortung an ihn ab.»
Keine Kraft mehr fürs Leben
Das kämpferische Auftreten von Elisabeth M. täuscht. Sie fühlte sich ohnmächtig, wütend und traurig zugleich. «Mir war elend zumute in dieser ausweglosen Situation.» Diese Gefühle verstärkten sich, als sie immer öfter an Rückenschmerzen zu leiden begann. Elisabeth M. ging es physisch und psychisch zunehmend schlechter. Sie musste immer öfter den Arzt aufsuchen.
Das Angebot einer Kosmetikerin, die abgebrochene Ausbildung an deren Schule wieder aufzunehmen, war für Elisabeth M. der rettende Strohhalm. «Ich hatte wieder ein Ziel.» Das einzige Problem: Mit ihrem 90-Prozent-Pensum hatte sie nur an einem halben Tag pro Woche frei. Von ihren Vorschlägen, wie sie die fehlende Zeit nachholen wollte, wenn sie einen ganzen Tag in die Schule musste, wurde keiner akzeptiert. «Der Guardian bot nicht Hand zu einer Lösung.» In ihrer Not ging Elisabeth M. trotzdem zur Schule und informierte den Arbeitgeber via Notizzettel.
Im November 1999 kündigte das Kloster seiner langjährigen Hausangestellten. Der Kündigung ging ein Gespräch von Elisabeth M. mit dem Guardian voraus. «Aus lauter Verzweiflung habe ich ihm gesagt, dass er mich doch endlich in Ruhe lassen soll.»
Elisabeth M., die bisher fast atemlos ihre Geschichte erzählt hat, schweigt für einen Moment. Ihr Gesicht spiegelt Ratlosigkeit. «Ich kann es einfach nicht fassen.» In Zeitschriften habe sie über Vorgesetzte gelesen, die ihre Angestellten schikanierten. Mobbing heisse das – aber in einem Kloster? Noch heute frage sie sich: «Was hätte ich anders machen können? Alles hinnehmen und schweigen?»
Mit der Kündigung schwand das Selbstvertrauen von Elisabeth M. endgültig. Sie sei nur noch in der Wohnung herumgelaufen, habe keinen klaren Gedanken mehr fassen können, habe geweint und gezittert. «Es war mir alles gleichgültig, ich dachte sogar daran, mein Leben zu beenden.»
Die Enttäuschung war total. Als Vorstandsmitglied engagierte sie sich während Jahren in der franziskanischen Laiengemeinschaft, leitete eine Meditationsgruppe und las im Gottesdienst Textstellen aus der Bibel vor. Heute ist es ihr kaum noch möglich, die Kirche zu betreten. Mit Jesus hadere sie nicht, sagt Elisabeth M., «aber mit seinem Bodenpersonal».
Elisabeth M. hat die tiefe Kränkung ihrer Spiritualität bis heute nicht verarbeitet. Immer wieder kommen die dunklen Gedanken zurück. «Dann zweifle ich am Sinn meines Daseins.»
Weltliche Gesetze ignoriert
Obwohl ein ärztliches Zeugnis für ihre Arbeitsunfähigkeit vorlag, meldeten die Kapuziner ihre ehemalige Hausangestellte bei Versicherung und Pensionskasse ab. Die Brudergemeinschaft stellte sich auf den Standpunkt, sie sei zwei Monate nach der Kündigung ihrer Pflichten gegenüber Elisabeth M. entledigt. Doch da irrten sich die Geistlichen, denn bei Krankheit wird die Kündigungsfrist ausgesetzt. Es bedurfte der Hartnäckigkeit des von SOS Beobachter unterstützten Anwalts, um den kirchlichen Arbeitgeber an die weltlichen Gesetze und an seine Lohnfortzahlungspflicht zu erinnern.
Schliesslich gestand das Kloster sein unkorrektes Verhalten ein und zahlte Elisabeth M. die ihr zustehenden Monatslöhne für die Zeit ihrer Krankheit aus. «Ohne die Hilfe des Beobachters», sagt Elisabeth M., «hätte ich das nie geschafft. Ich war damals weder körperlich noch finanziell in der Lage, mir selber zu helfen.»
© Beobachter Ausgabe 24 vom 24. Nov 2000 - Alle Rechte vorbehalten

