SOS-Weihnachtsaktion 2003

Chance für die Jugend

Text:
  • Urs Zanoni
Ausgabe:
24/03

Vier von zehn Kindern in der Schweiz wachsen unter erschwerten sozialen Bedingungen auf. Sie haben nur wenig Aussicht auf Bildung und Wohlstand. Ihnen will SOS Beobachter mit der diesjährigen Spendenaktion helfen.

Moritz, Sade, Michael, Aurora, Jamie, Lea und Yigit haben eines gemeinsam: Sie alle sind im vergangenen Oktober in der Schweiz zur Welt gekommen. Schön für sie, müsste man meinen: Sie wohnen in einem reichen Land mit einem guten Bildungssystem und Aufstiegschancen zuhauf.

Doch weit gefehlt. Mit der Geburt sind viele Würfel im grossen Lebensspiel bereits gefallen: Ausschlaggebend für die Entwicklung eines Kindes – was es lernt, ob seine Talente gefördert werden, wie weit es kommen kann – sind seine soziale Herkunft, das Geschlecht, die Muttersprache, der Wohnort, manchmal sogar das Schulhaus, das es besucht.

Die individuelle Leistung dagegen zählt oft nur wenig, wenn es ums schulische oder berufliche Weiterkommen geht. «Das schweizerische Bildungssystem will dem Anspruch genügen: ‹Wer etwas leistet, wird belohnt.› Unsere Untersuchungen zeigen aber, dass dem überhaupt nicht so ist», sagt der Berner Soziologe und Bildungsforscher Thomas Meyer. Demnach befinden sich unter den Jugendlichen, die es an eine Mittelschule schaffen, überdurchschnittlich viele aus höheren Sozialschichten, aus städtischen Gebieten und aus der Westschweiz. Wie ungleich die Chancen verteilt sind, belegt ein anderes Resultat: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein einheimischer Jugendlicher seine Wunschausbildung verwirklichen kann, ist dreimal höher als bei einem fremdsprachigen mit den gleichen Kompetenzen.

Rückstand ist nur schwer aufzuholen
Im Klartext heisst das: Wer hierzulande unter erschwerten Rahmenbedingungen aufwächst, handelt sich einen Rückstand ein, der nur schwer aufzuholen ist – und das trifft viele:


  • Rund 230'000 Kinder leben in Haushalten, die nach den Richtlinien der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe als «arm» eingestuft werden.

  • Jeder vierte Haushalt gilt als «einkommensschwach».

  • 30 Prozent der Sozialhilfeempfänger sind unter 18.

  • Ein Drittel aller Schulabgänger lebt in Familien, in denen mindestens ein Elternteil nicht in der Schweiz geboren wurde.

  • Jedes dritte Kind, das in der Schweiz zur Welt kommt, wird die Trennung oder Scheidung seiner Eltern erleben, bevor es mündig ist.


Alles in allem ist davon auszugehen, dass etwa vier von zehn Kindern in einem Umfeld aufwachsen, in dem Geld, Zuwendung und Motivation knapp sind.

Teymour ist 14 Jahre alt. Die mathematischen Fächer waren für ihn seit längerer Zeit ein Problem: «Irgendwie war ich zu ungeduldig. Und gleichzeitig auch zu langsam.» Versuchte die Mutter zu helfen, gab es meistens Streit. Vor zwei Jahren, beim Thema Radiusberechnung, hängte es ihm aus, «meine Mutter fand dann eine Nachhilfelehrerin».

Doch als Alleinerziehende musste Christine Schenk jeden Franken drehen und wenden. Schliesslich finanzierte SOS Beobachter Teymours Nachhilfestunden – innerhalb eines Jahres konnte er seine Leistung um eine ganze Note steigern.

Teymour steht für die steigende Zahl von Kindern und Jugendlichen, die SOS Beobachter unterstützt. «Gerade wenn es darum geht, die Bildungschancen des Nachwuchses zu verbessern, stossen viele Familien in bescheidenen Verhältnissen und Alleinerziehende an ihre Grenzen», sagt Thomas Schneider, Leiter der Koordinationsstelle von SOS Beobachter. «Hier aber lassen sich mit vergleichsweise wenig Mitteln grosse Erfolge erzielen.»

Wie nötig dieser Einsatz ist, zeigt eine Caritas-Studie: «Wenn Jugendliche das Gefühl bekommen, sie hätten keine Chance, dann ist das ein Schwelbrand, der immer wieder aufflammen kann.» Als Folge könnten sich Suizidversuche, Gewalt oder Drogenmissbrauch häufen. Auch würden Jugendliche oft ihre Ausbildungs- und Berufswünsche unterdrücken, weil sie einen Teil zur Lösung der finanziellen Probleme in der Familie beitragen möchten.

Bestätigt wird dieser Befund durch die Untersuchungen des Bildungsforschers Thomas Meyer: Von den Neuntklässlern aus der Oberschicht, die im Sommer 2000 ihre obligatorische Schulzeit beendeten, wollten 60 Prozent in eine Mittelschule; bei den Jugendlichen aus der Unterschicht waren es nur elf Prozent. Dabei waren die Leistungsunterschiede gar nicht so gross.

Ärmere haben wenig Selbstvertrauen
Wer aber aus der Unterschicht stammt, traut sich schlicht weniger zu: Von den Realschülern, die bei den PISA-Lesetests das Niveau 3 erreichten, wollte nur jeder Zwanzigste an eine Mittelschule, von den gleich kompetenten Sekundarschülern aber fast jeder. Insgesamt kommen lediglich acht Prozent der Deutschschweizer Gymnasiasten aus der Unterschicht – die Schweiz gehört in Sachen Durchlässigkeit zu den schlechtesten Ländern Europas.

Dies ist besonders bedenklich, weil Armut «zwar nicht ansteckend ist, aber von einer Generation auf die nächste übertragen wird», wie es der Genfer Soziologieprofessor Franz Schultheis formuliert. Die Jugendlichen übernehmen oft die Defizite der Eltern; deren Hilflosigkeit überträgt sich auf sie. Auch fehlt vielen Jungen zu Hause eine Person, mit der sie ihre Probleme besprechen können.

Die Folgen davon gehen weit über die Bildung hinaus: Gesundheitsbefragungen bei Kindern aus armen Verhältnissen zeigen, dass sie ängstlicher, pessimistischer, müder und nervöser sind als Gleichaltrige aus einer wohlhabenden Umgebung. Sie leiden auch häufiger an Kopf-, Bauch- und Rückenschmerzen sowie Konzentrationsstörungen – nicht zuletzt, weil viele in lärmigen Gegenden und beengenden Wohnräumen leben.

Ausserdem führt die materielle Not oft zu Beziehungsarmut und einem Mangel an Freunden. Schliesslich leidet auch das Selbstwertgefühl. Umgekehrt steigen die Aggressionen. In der Pubertät kann es dann zu eigentlichen Rebellionen kommen: Die Jugendlichen sind wütend über die chronische Geldknappheit und die mangelhafte Unterstützung.

Sandor ist 19 Jahre alt (siehe Nebenartikel «Ich fühle mich gefangen»). Früh schon gab es Konflikte – zu Hause, in der Schule. Er ging seinen eigenen Weg und eckte an. Heute graut ihm vor Konflikten: «Ich habe bereits auf Vorrat Angst.» Jetzt lässt er sich in einem Laufbahnzentrum beraten und sagt bestimmt: «Ich habe eine Chance verdient.»

Doch obwohl er Schweizer ist, stellt allein schon sein fremdländischer Name ein Hindernis dar – unabhängig vom Leistungswillen. Wie gross dieses Hindernis ist, zeigte ein Experiment, das Fachleute des Schweizer Forums für Bevölkerungs- und Migrationsstudien letztes Jahr durchführten: Sie wählten gut 800 Stellenanzeigen aus und schickten 2500 fiktive Bewerbungen. Die Absender trugen Namen wie Peter, Antonio oder Afrim.

Von Chancengleichheit keine Spur
Alle Bewerber hatten soeben ihre Lehre mit einem eidgenössischen Fachausweis abgeschlossen; Noten, Arbeitszeugnisse und Lebenslauf waren gleichwertig. Das Resultat: Die Bewerbungen mit ausländischen Namen wurden krass benachteiligt. Viele blieben unbeantwortet. Oder die Kandidaten erhielten eine Absage, ohne zu einem Gespräch eingeladen worden zu sein. Oder sie wurden auf unbestimmte Zeit vertröstet.


Dass bei so vielen Vorurteilen reichlich Ressourcen verschleudert werden, liegt auf der Hand: In den letzten zehn Jahren hat sich die Chance von Ausländerkindern im Kanton Zürich, eine Mittelschule zu absolvieren, fast halbiert: Nur noch sieben von 100 schaffen es heute; bei Jugendlichen aus dem wohlhabenden Schulkreis Zürichberg sind es sieben Mal mehr – von Chancengleichheit keine Spur.

 

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© Beobachter Ausgabe 24 vom 27. Nov 2003 - Alle Rechte vorbehalten

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