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Auch ein Blinder will fernsehen
Die Stiftung SOS Beobachter hilft Notleidenden direkt und unbürokratisch – und erfüllt oft Wünsche, für die staatliche Stellen kein offenes Ohr oder kein Budget haben.
Nebenartikel
Artikel zum Thema
Mit dem rechten Auge sieht er nur schwarz, mit dem linken wie durch ein Klarsichtmäppchen: Hans-Peter Trümpy, 42, ist praktisch blind – und ein leidenschaftlicher Fernsehzuschauer. Das Gerät steht an der Wand gegenüber dem Bett. Er weiss genau, welchen Knopf er drücken muss, um seine bevorzugten Sender einzustellen: die Zwei für Kabel 1, die Acht für Vox (siehe Nebenartikel: «Hans-Peter Trümpy: James Bond ist mein Kollege»).
«Vor kurzem hat das alte Gerät seine Dienste aufgegeben, und Herr Trümpy ist verzweifelt», schrieb seine Vormundin an die Stiftung SOS Beobachter. «Denn der Fernseher bietet ihm Unterhaltung, Information und die Möglichkeit, am Weltgeschehen teilzuhaben.» Deshalb ersuchte sie einen Beitrag an ein Ersatzgerät – «es kann auch eine Occasion sein».
Für Thomas Schneider, Leiter der Koordinationsstelle von SOS Beobachter, war rasch klar, dass er das Gesuch bewilligen würde: «Der Fernseher ist für Hans-Peter Trümpy ein wichtiges Stück Lebensqualität, zumal er immer mit einem Mitbewohner zusammen schaut, der ihm Fragen beantworten kann.» Daraus sei eine eigentliche Freundschaft entstanden.
Hätte die Vormundin das Gesuch an die zuständige Sozialbehörde gerichtet, wäre es deutlich schwieriger geworden. Denn die Sozialhilfe muss sich an Gesetze, Richtlinien und andere amtliche Bestimmungen halten. Die Beurteilungskriterien müssen möglichst objektiv sein, die Entscheidungen möglichst einheitlich.
«Die Armen in die Dritte Welt schicken»
Zudem steht die Sozialhilfe unter Druck: Die Zahl der Bedürftigen steigt landesweit an, die Grundleistungen pro Kopf gehen zurück. In der öffentlichen Wahrnehmung ist Armut eher ein Makel als ein Schicksal. Und seit der Publikation der repräsentativen Beobachter-Umfrage vor vier Wochen (siehe Artikel zum Thema «Sozialhilfe: Was ist Armut?») ist auch bekannt, welcher Lebensstil der Sozialhilfebezüger akzeptiert ist und welcher nicht.
Demnach sind 90 Prozent der Befragten einverstanden, dass Bedürftige «etwa zweimal pro Woche ein Stück Fleisch essen». Auch die Haltung eines Haustiers und einmal im Jahr Ferien finden Mehrheiten. Weniger als die Hälfte dagegen bejahen einen Kino- oder Konzertbesuch alle zwei Wochen (48 Prozent), das Mobiltelefon (32 Prozent) oder das Rauchen
(26 Prozent). Am heftigsten verpönt sind Markenschuhe und Markenkleider: Nur sechs Prozent der Befragten wollen sie Sozialhilfebezügern zugestehen.
Genauso polarisiert waren die Reaktionen des Beobachter-Publikums. Allein auf der Website www.beobachter.ch kamen gegen 700 Beiträge zusammen. «Würde man die sogenannt Armen in die Dritte Welt schicken und unter den dortigen Verhältnissen leben lassen, würden sie gern wieder in die Schweiz zurückkommen und sicher nie mehr jammern», schrieb Erwin. Worauf Sepp erwiderte: «Dann pack mal deine Koffer. Danach kannst du sagen, ob es stimmt, was du behauptest.»
Walter Schmid, Präsident der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe, war von der Heftigkeit der Diskussion zwar überrascht, doch zeige dies, «dass sich die Menschen mit der Zukunft unseres Sozialstaats auseinander setzen». Und in dieser Zukunft werden private soziale Institutionen wie SOS Beobachter immer wichtiger (siehe Nebenartikel: «SoS Beobachter: Wir zählen auf Sie!»). Denn sie können viel mehr persönliche Kriterien berücksichtigen als staatliche Stellen.
«Unsere Hilfe muss nicht immer logisch und rational begründbar sein», sagt Thomas Schneider von SOS Beobachter, «sie kann auch emotionale Aspekte einbeziehen.» Wie im Fall von Monika C.: Die IV-Rentnerin mit Ergänzungsleistungen verliert ihre Tochter wegen Aids. Damit ist ihre sechsjährige Enkelin Vollwaise, denn der Vater des Kindes ist bereits verstorben.
Monika C. möchte für ihre Tochter einen Grabstein auf dem Friedhof, damit die kleine Enkelin, die bei ihr lebt, die Erinnerung an ihre Mutter wachhalten kann. SOS Beobachter konnte den Wunsch erfüllen – und der Sechsjährigen einen würdevollen Ort der Trauer ermöglichen. «Oft sind die immateriellen Bedürfnisse wichtiger als die materiellen», sagt Schneider. Diese Sichtweise ist im behördlichen Regelwerk kaum vorgesehen.
Ein Anhänger für den Berner Märit
Ebenso wenig ist es die Frage: «Können wir den Menschen mit unserem Beitrag Hoffnung schenken?» Bei SOS Beobachter ist sie zentral. Entsprechend gross ist die Zahl der Dankesschreiben, so Schneider, «in denen Begriffe wie Lichtblick, Kraft, positive Wende oder Entlastung vorkommen». Wie bei der Familie K. mit ihren vier Kindern: Der Vater muss wegen verschiedener Krankheiten mehrfach operiert werden. Als Folge der zahlreichen Arbeitsausfälle verliert er seine Stelle. Deshalb fehlt das Geld, um dem sechsjährigen Sohn ein eigenes Bett zu kaufen – er schläft noch immer bei den Eltern. SOS Beobachter hilft.
Ein weiteres wichtiges Kriterium ist die Hilfe zur Selbsthilfe. Regula Kossoko lebt mit ihrem Mann und den drei Kindern seit Jahren am Existenzminimum. Gleichwohl will sie ohne Sozialhilfe auskommen (siehe Nebenartikel: «Regula Kossoko: Ich möchte selber Geld verdienen»). Also stellte sie ein Gesuch für einen neuen Anhänger, um am Berner Märit – wie seit 15 Jahren – einen Zusatzverdienst erwirtschaften zu können: «Solche Eigeninitiative muss man fördern», sagt Thomas Schneider, «umso mehr, wenn sich damit verhindern lässt, dass der Staat belastet wird.»
© Beobachter Ausgabe 12 vom 09. Jun 2005 - Alle Rechte vorbehalten

