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Ansichtssache: Vor den Toren von Paris

Text:
  • Martin Hauzenberger
Ausgabe:
18/03

Wo taucht er auf? Die Frage galt in diesem Sommer nicht dem Lindwurm Nessie, sondern der Nummer 10 des Schweizer Fussballs, dem Münchensteiner Hakan Yakin.

Basel oder Paris? Wochenlang spielte der talentierte Dribbler

die FCB-Klubleitung schwindlig. Als stehe er auf dem Joggeli-Rasen,

schlug Hakan Haken um Haken und lancierte sich schliesslich

selbst – mit einem Steilpass in Richtung Weltfussball.

Paris St-Germain hiess für kurze Zeit sein neuer Verein.

Bei diesem Namen dachte der Rasenkünstler wohl ans legendäre

Pariser Künstlerviertel St-Germain-des-Prés, auf

dessen Wiesen er zu zaubern gedachte. Doch der Klubname steht

leider für den weit prosaischeren Vorort St-Germain-en-Laye.

Nur in einem Punkt stimmte das mit den Prés: Diese

stehen im Französischen nicht nur für Wiesen, sondern

bezeichnen auch den Austragungsort eines Duells.

Das lieferte sich Yakin mit Trainer Vahid Halilhodzic.

Und wie an einem Zweikampf im Morgengrauen sah das Publikum

vor allem Nebel. Die zum Duell aufgebotenen französischen

und Schweizer Ärzte lieferten sich selber ein solches,

bis manche Zuschauer stöhnten: «Tökter, bleibt

bei euren Leisten!» Selbige aber waren bei Yakin schon

doppelt gebrochen.

Die Pariser Professoren, die die Verletzung bestritten,

konnten ja nicht wissen, welche Überwindung es einen

Basler kostet, sich unter ein Zürcher Chirurgenmesser

zu legen. Sonst hätten sie Hakan bestimmt nicht vorgeworfen,

er habe simuliert.

Yakin wird also nicht Fussballsöldner im Pariser Stadion

Parc des Princes. Die Schweizer Söldner früherer

Jahrhunderte hatten eindeutig die bessere Kondition. Während

der Französischen Revolution verteidigten sie als wackere

Demokraten und Abwehrrecken in der letzten Reihe den König

und seine Prinzen gegen das Volk. Und dies gegen nicht eben

fürstliche Bezahlung.

Schon Hakans grosser Bruder Murat wurde im Ausland nicht

glücklich. Nach kurzen Ausflügen nach Stuttgart,

Istanbul und Kaiserslautern hält er wie in seiner Jugend

am Rheinknie seine Knie und Knochen hin. In Sachen Heimatliebe

zur schönen Schweiz können wir so genannt Alteingesessenen

von den Secondos eben noch einiges lernen.

Die Antwort auf die Frage, wie lange Hakan noch zur Rehabilitation

brauche und ab wann er wieder für den FCB spielen kann,

versteckt sich bei Redaktionsschluss noch in den langsam aufziehenden

Herbstnebeln. Der deutsche Star-Torhüter Oli Kahn hingegen

fand eine Antwort auf die Reporterfrage, ob Spieler, die wegen

einer Verletzung eine Pause einlegten, Simulanten seien. «Es

ist eine philosophische Frage», postulierte der Denker

im deutschen Tor. Früher wäre einer «auch

mit dem Kopf unter dem Arm» noch zur Nationalmannschaft

gekommen. Dort steckte dann wohl die Philosophie drin.

© Beobachter Ausgabe 18 vom 05. Sep 2003 - Alle Rechte vorbehalten

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