Ansichtssache
Impressionistischer Höhenflug
Die Kunst hebt in den Himmel ab. Ein aufgeblasener Vincent van Gogh schwebt über ein Waadtländer Chalet hinweg in den Himmel über Château-d'Oex.

(Bild: Laurent Gillieron)
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Im Waadtländer Pays d’Enhaut steigt wieder die Woche der Heissluftballone. Kunststoffhüllen in allen Formen und Farben setzen Tagfeuerwerk an den Alpenhimmel.
Anderswo in den Alpen wurde am gleichen Wochenende ebenfalls reichlich warme Luft geblasen – nicht in Kunststoffhüllen, sondern in Worthülsen. In Davos allerdings hob man weniger kunstvoll ab als in Château-d’Oex. Die Höhenflüge waren dafür wesentlich lärmiger – auch für die geplagten Bewohner der Umgebung des Zürcher Flughafens. Denen knatterten die Mächtigen dieser Welt gleich nach dem Jet-Südanflug per Heli-Südabflug mit dem lieblichen Klang von Abbruchbirnen erneut über die Birnen. Dieses Geräusch über der Stadt Zürich bedeutet sonst die Ankunft von Notfällen in den Spitälern.
Diesmal wurden die Notfälle nicht als solche erkannt. Denn es erschien bereits als vollkommen normal, dass eine grosse Versicherung, deren Name auffällig stark an die helikopterverseuchte Stadt im Unterland erinnert, das Schwimmbad des Hotels Belvédère in eine Schnee- und Eislandschaft verwandelte – vermutlich weil Schnee und Eis der Davoser Landschaft zu wenig eventmässig cool aussahen. So wird kaltschnäuzig Kohle in den Schnee gesetzt.
Da lobe ich mir das sanfte Schweben über dem Waadtländer Oberland. In Château-d’Oex wurde ja vor fünf Jahren sogar Luftfahrtgeschichte geschrieben, als der Schweizer Volksheld Bertrand Piccard mit seinem britischen Partner Brian Jones zur ersten erfolgreichen Ballonumrundung der Erde abhob. Nach 20 Tagen landeten die beiden schliesslich im Süden Ägyptens. Pioniere mit aussergewöhnlichen Ideen werden in der Schweiz eben öfter mal in die Wüste geschickt.
Bertrand Piccards Familie liebt die Extreme: Grossvater Auguste schwebte 1931 am höchsten in die Lüfte, Vater Jacques sank 1960 am tiefsten ins Meer, Bertrand glitt als Erster ohne Motorenantrieb rund um die ganze Erde. Der Name Piccard muss vom englischen Wort «peak» abgeleitet sein – einfach spitze. Zugleich trug der tapfere Bertrand mit seinem «Breitling Orbiter 3» den Ruhm der Schweizer Edeluhrenfabrikanten rund um die Welt.
Das lässt den sanften Verdacht hochsteigen, dass auch unser guter Vincent nicht zufällig zu einem luftgefüllten Schädel gekommen ist. Braucht ein Van-Gogh-Museum in der Provence einen neuen Werbeträger? Oder ein plastischer Chirurg ein schwebendes Aushängeschild für Ohrenprothesen?
Aber vielleicht wollte der gute alte Vincent einfach mal so hoch hinauf wie die Preise für die Bilder, die er einst für ein Butterbrot gemalt hat.
© Beobachter Ausgabe 3 vom 05. Feb 2004 - Alle Rechte vorbehalten








