Ansichtssache
König Fussball regiert in Bern
Fussball hat eigentlich nichts mit Politik zu tun. Oder etwa doch? Genauer besehen gibt es durchaus Parallelen.

(Bild: Dorothea Mueller)
Artikel zum Thema
Der Mann hat Stil: Jörg Stiel, Torhüter und Captain unserer Fussball-Nationalmannschaft, weiss, wie man Vorgesetzten zu begegnen hat. Oder übt er zusammen mit Nationaltrainer Köbi Kuhn das Gebet vor der Schlacht, wie es einst die alten Eidgenossen taten? Schliesslich gehts bald einmal gegen die Fussballgrossmächte um die Europameisterschaft. Bittet er Köbi gar um Fürsprache bei der Suche nach einem neuen Klub? Oder hat Jörg Stiel einfach so lange in Mönchengladbach gespielt, dass er jetzt wie ein Mönch vor seinem Oberen auf die Knie geht?
Stiel hats gegenwärtig wirklich schwer. Da ist seine Mannschaft an der Europameisterschaft in Portugal ohnehin nur krasser Aussenseiter. Und dann dezimieren sich seine Kollegen noch selbst, indem sie sich im Training gegenseitig Schien- und Wadenbeine brechen.
Im Fussball ists halt wie im richtigen Leben oder in der Politik, und Jörg Stiel erlebt etwa dasselbe wie Bundespräsident Joseph Deiss. Dieser muss sich als Captain des Bundesrats gegenwärtig mit einem noch wesentlich schwierigeren Team herumschlagen. Auch da wird munter gegen Schienbeine getreten – und auf eine Entschuldigung, wie sie im Fussball gelegentlich noch zu hören ist, wartet man als erstaunter Stimmbürger vergeblich. Das Bundesratszimmer ist offenbar zu einer Art Kreischsaal geworden, in dem der Neuankömmling seine angeblich unfähigen Kolleginnen und Kollegen der Reihe nach zum Rücktritt auffordern will. Die Macht zu teilen ist nicht jedem gegeben. Und nirgends ein Nationaltrainer, der die Streithähne in die Schranken weisen könnte.
Der nächste Rücktrittskandidat wird wohl der Sportminister sein. Wenn die Schweizer Verteidigung gegen das übrige Europa schlecht aussehen sollte, wird Verteidigungsminister Samuel Schmid die Verantwortung übernehmen und auf Geheiss von Parteikollege Blocher zurücktreten müssen. Der alt Auns-Präsident ist wohl ohnehin sauer, dass die Schweiz ihre Fussballtruppen zu einem Auslandeinsatz an den Atlantik abkommandiert hat. Schlimm genug für ihn, dass die meisten von dieser Truppe ihr Geld als Söldner im Ausland verdienen.
Vielleicht kommt jetzt wenigstens Torhüter Stiel aus Deutschland zurück zu einem Schweizer Klub. Im Spiel der Schweizer Fussballer gegen seine deutschen Kollegen aus der Bundesliga konnte er den Schaden in Basel begrenzen. Das lässt hoffen, falls es wieder Grenzstreitigkeiten mit unseren nördlichen Nachbarn geben sollte.
Mit der Nachnominierung von Johan Vonlanthen für den verletzten Marco Streller hat Köbi Kuhn auch das (Ersatz-)Bankgeheimnis gelüftet. Der junge Mann stammt ursprünglich aus Kolumbien und spielt in den Niederlanden. Hopp Suiza!
© Beobachter Ausgabe 12 vom 10. Jun 2004 - Alle Rechte vorbehalten








