Ansichtssache
Papiertiger auf Schmusekurs
Schlechte Karten: Postchef Ulrich Gygi ruft dazu auf, Briefe statt E-Mails zu schreiben.

(Bild: Jean Revillard)
Artikel zum Thema
Schreib mal wieder! Und zwar Briefe. Also sprach Ulrich Gygi, der oberste schweizerische Postchef, als er die Aktion «Grosses beginnt mit einem Brief» startete. Wir sollen wieder vermehrt auf richtiges Papier schreiben und Briefmarken draufkleben, statt in vollgespammte E-Mail-Boxes zu fabulieren.
Aber, aber, Herr Gygi, was soll der Rückfall in diese rousseausche «Retour à la lettre»-Nostalgie? Sie haben doch wie einst Ihr Vornamensvetter Huldrych Zwingli die grosse Reformation eingeleitet, den endgültigen Umbau des Schweizer Postwesens. Zugegeben, der Huldrych konnte noch Zwingli-Zwänge einsetzen, um seine Ideen in die Köpfe der Leute zu trichtern. Aber immerhin, Herr Gygi, hat das Volk über die Poststelleninitiative in Ihrem Sinn abgestimmt. Und Protestnoten gegen Ihre Pläne haben Sie kaum gestört. Auch Protestbriefe muss man ja frankieren.
Aber eben: Die Post spielt mit ihren altmodischen Briefen gegenüber der Swisscom mit ihren Mails und SMSes je länger, desto mehr die zweite Gygi. Da kann der arme Ulrich nur postgelb vor Neid auf sein Alder Ego Jens bei der Swisscom schielen. Der weiss vor lauter Geld in seiner «Kriegskasse» (ja, ja, so heisst das im friedliebenden Business) nicht mehr, wo er sich einen neuen Laden kaufen soll.
Jetzt gehts also zurück zu den Wurzeln der Briefkultur. Die Post, das einstige Dienstleistungsunternehmen, ist ja inzwischen nicht nur eine Marke, die uns mit jeder Marke einen Fränkler aus dem Sack zieht, auf den sie uns ziemlich oft geht. Sie ist auch der letzte Tante-Emma-Laden – mit einem etwas unübersichtlichen, aber ausgesprochen überraschungsreichen Sortiment zwischen Briefumschlag und Gummibärli, Taschenlampen und Glückwunschkarten. Wenn die abgelegenen Poststellen künftig in den Dorfladen integriert werden sollen, kann man es ja in den Stadtfilialen schon mal mit einem Dorfladen versuchen.
Im Internet finden wir unter www.post.ch die Rede von Gygi zur Lancierung der Briefkampagne. Und was steht da als Einleitung? «Es gilt das gesprochene Wort.» Bitte? Das soll eine Kampagne für den Brief sein? Das tönt doch eher nach Hörbuch. Auf derselben Site teilt uns eine Historikerin Wissenswertes über die alten Zeiten mit: «Die Geschichte des Briefs beginnt mit dem Brief als Kommunikations- und Urkundenmedium von Machthabern.» Aha. Deshalb gefällt dieses Medium dem Chef wohl so gut.
Aber so viel Macht haben die Herren der Briefe heute nicht mehr. Die grosse «Neue Zürcher Zeitung» begnügte sich mit einer Kürzestmeldung, und ihr noch grösserer Zürcher Konkurrent «Tages-Anzeiger» schwieg die Postaktion einfach tot. Vermutlich haben sie gegen Bettelbriefe wie jenen von Ulrich Gygi einen Spamfilter eingebaut. Vielleicht war aber auch die schriftliche Einladung zur Medienkonferenz ganz einfach unkorrekt frankiert, oder sie ist noch unterwegs.
© Beobachter Ausgabe 22 vom 28. Okt 2004 - Alle Rechte vorbehalten








