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Archivdienste: Langzeitgedächtnis

Text:
  • Markus Koch
Ausgabe:
1/02

Tag für Tag werden unzählige Seiten aus dem Internet gelöscht. Damit sie nicht für immer im Cyberspace-Nirwana verloren sind, fertigen spezielle Archive Kopien von ihnen an.

Endlich hat man die Suchmaschine so gefüttert, dass sie zumindest auf den ersten Blick gute und relevante Links zum gewünschten Thema auflistet. Nur um dann festzustellen, dass die Hälfte dieser Verweise – selbstverständlich die, die am meisten versprechen – ins Leere führen: «Error 404 – Page not found».

Dieses alltägliche Phänomen im Internet-Zeitalter bestätigt nicht nur die Folgerung aus Murphys Gesetz, wonach es «immer genau eine Möglichkeit mehr gibt, wie etwas schief laufen kann, als man sich gedacht hat», sondern auch die Flüchtigkeit des Mediums Internet. In der Welt der Bits und Bytes ist nichts in Stein gemeisselt. Ein Dokument auf einem Server ist genauso schnell geändert oder gelöscht wie auf einer PC-Festplatte. Ein Link, der heute als Lesezeichen abgelegt wird, kann morgen auf einen aktualisierten oder gar anderen Inhalt führen, und übermorgen ist er vielleicht schon nicht mehr gültig.

Der Suchdienst Google trägt dieser Vergänglichkeit Rechnung. Zu jedem Treffer auf der Resultatseite bietet er für den Fall, dass ein Dokument nicht mehr existiert, die Option «Im Archiv» an. Ein Klick auf diesen Link ruft nicht die gefundene Seite auf, sondern zeigt den Inhalt des entsprechenden Dokuments aus dem Google-Archiv.

Diese exklusive Funktion kann übrigens auch dann von Vorteil sein, wenn die Originalseite noch existiert: Google zeigt nur den Text des Dokuments und verzichtet auf sämtliche Bilder, Navigations- und Gestaltungselemente des Originals. Das macht den Datentransfer und Seitenaufbau wesentlich schneller.

Gigantische Datenbibliothek

Gerade diese Beschränkung auf den Text disqualifiziert Google indes als echtes Internetarchiv. Kommt hinzu, dass der Suchdienst eine Adresse und folglich auch alle Archiveinträge aus dem System löscht, wenn das Originaldokument wochen- oder monatelang nicht erreichbar ist. Google ist also weder Gedächtnis noch Bibliothek des Internets, sondern nur ein digitales Echo, das bald einmal verhallt. Historiker, die den Lauf der Geschichte im Spiegel des Webs dereinst rekonstruieren wollen, sind hier an der falschen Adresse.

Die richtige wäre www.archive.org, die «Wayback Machine», die es laut Eigenwerbung ermöglicht, «im Web von einst zu surfen». Seit 1996 speichert die vom US-Visionär Brewster Kahle entwickelte Internet-Zeitmaschine periodisch komplette Kopien aller Websites, die sie finden kann.

Daraus ist ein gigantisches Archiv webhistorischer Informationen gewachsen, das wie das Internet alle Massstäbe sprengt: Mit einem Datenbestand von über 100 Terabytes – das entspricht ungefähr 5000 PC-Festplatten – ist es bereits rund fünfmal so gross wie die Datenmenge sämtlicher Bücher in der US-Kongressbibliothek, der grössten Schriftensammlung der Welt. In einem Jahr soll das Internetarchiv noch einmal so viele Daten zusätzlich speichern.

Das historische Surfen mit der «Wayback Machine» ist so einfach, dass nicht nur Akademiker ihre helle Freude daran haben. Entweder man ruft eine «Special Collection» auf und stöbert in alten Webseiten zu einem bestimmten Thema, aktuell etwa 11. September, US-Wahlen 2000 und Webpioniere. Oder man tippt eine Adresse ins Eingabefeld, zum Beispiel www.beobachter.ch, klickt auf «Take me back!» – und lässt sich überraschen, wie oft sich der Internetauftritt des Beobachters in den letzten fünf Jahren verändert hat.

© Beobachter Ausgabe 1 vom 11. Jan 2002 - Alle Rechte vorbehalten

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