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Auch das noch: Schweizer Arzt hat die Nase vorn

Text:
  • Ueli Zindel
Ausgabe:
25/02

Mit seinen Messungen brachte ein Mediziner aus Brunnen die Erforschung des menschlichen Riechorgans um Längen voran.

Aufbau, Umbau, Abbau: Das sind die Grundkräfte des Daseins. Das Herz wird schwerer, das Hirn leichter, und zwischen Scheitel und Sohle verringert sich in späten Jahren die Distanz. Es ist, seit Jahrhunderten schon, viel gemessen worden am menschlichen Körper. Neulich war die Nase dran.

Die Details stammen von Lukas Eberle, Nasen-Ohren-Arzt in Brunnen. An exakt 2500 mitteleuro-päische Riechorgane legte er sein Messgerät. Fazit: Im Unterschied zum Knochengerüst wachsen unsere Nasen auch nach dem 30. Altersjahr munter weiter. Himmelwärts, erdwärts oder geradeaus – wohin die Laune will. Gibt es sie, die perfekte Nase? Eberle: «Es war immer jene, die ich gerade am Messen war.» Der Arzt ist überzeugt, dass die Bedeutung des stammesgeschichtlich ältesten Sinnesorgans «gemeinhin unterschätzt» wird.

Die Nase ist aus jenem Stoff gemacht, der den ersten Halt des Fötus bildet – und im Grab vor dem Skelett zerfällt. Sie ist der Eckpunkt eines jeden Profils, sie sitzt im Zentrum unserer Erkennbarkeit, und sie hat immer wieder zu Spekulationen angeregt. Der Zürcher Theologe Johann Caspar Lavater etwa, 1801 verstorben, sah in der Nase den «Barometer der Eigenwilligkeit»: je länger das Ding, umso grösser die Macht des Trägers. Von Trägerinnen sprach er nicht. Tieferen Einblick versprach sich der Berliner Hals-Nasen-Arzt Wilhelm Fliess. Er erklärte 1925: «Es ist bekannt, dass an den Nasenmuscheln ein eigentlicher Schwellkörper sich befindet, wie er auch in den Wollustorganen des Mannes und der Frau wiederkehrt.» Titel seines Aufsatzes: «Über den ursächlichen Zusammenhang von Nase und Geschlechtsorgan». Spötter behaupten, Fliess’ Ideen seien auf seinen langjährigen Kokainkonsum zurückzuführen. Beide Theorien gelten heute als veraltet.

Das Messbare dagegen bleibt ohne Widerspruch. Hier ist der neue Eintrag im Atlas der Normkurven: Rund acht Millimeter wächst eines jeden Nase, ob Mann oder Frau, nach Abschluss des Körperwachstums im Raume Mitteleuropas. Pinocchio, dem kleinen Abenteurer, wuchs sie innerhalb von viel kürzerer Zeit um einiges mehr.

Was ist daraus zu schliessen? Wächst mit dem Alter die Lebenslüge mit? Müssen wir dereinst alle mit langer Nase abziehen? Oder heisst das, dass die Alten naturgemäss die Nase vorn haben? Das Beispiel beweist: Exakte Daten bieten keine Antworten. Sie liefern Fragen. Nichts als Fragen.

© Beobachter Ausgabe 25 vom 12. Dez 2002 - Alle Rechte vorbehalten

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