Auch das noch: Wild aufs Mobiltelefonieren
Bündner Jäger dürfen diese Saison erstmals mit dem Handy auf die Pirsch. Es soll jedoch keinen Wildwuchs an Telefongesprächen geben.

«Bei denen piepst es wohl», schiesst es den
Unterländern als Erstes durch den Kopf, wenn sie die
Botschaft hören: «Bündner Jäger mit Handys.»
Werden jetzt Wanderer auf Bergpfaden, wo sich Fuchs und
Hase gute Nacht sagen, von Handyklingeltönen ins Bockshorn
gejagt? Sprechen sich die rund 5000 patentierten Weidmänner
Graubündens während der Hochjagd bis Ende September
gar schnurlos untereinander ab, wenn sie einen der 4175 zum
Abschuss freigegebenen Hirsche im Visier haben?
Alles nur halb so wild, wie das Kleingedruckte klarstellt.
Der Beschluss des Bündner Regierungsrats lässt weder
jagdtechnische Regieanweisungen noch persönliche Plauderstündchen
zu. Wie auch in den übrigen Kantonen darf das Handy im
Bündner Gebirge nur «im ausgeschalteten Zustand»
mitgetragen werden und ausschliesslich in «Notsituationen»
zum Einsatz kommen.
Die positiven Seiten des Mobilfunks sind denn auch unbestritten.
Bei einem Jagdunfall kann ein Notruf per Handy über Leben
und Tod eines Verletzten entscheiden. Ebenso hilft ein Jäger,
den Leidensweg eines angeschossenen Tiers zu verkürzen,
wenn er beim Pikettdienst sofort einen Führer mit Schweisshund
anfordert, um die «Wundfährte» aufzunehmen.
Für Laien: Schweiss bedeutet in der Weidmannssprache
Blut.
Graubünden war bisher der einzige Kanton, der noch
am Handyverbot festhielt. Lange Zeit suchte man nach einer
optimalen flächendeckenden Kontrolle. Jetzt ist die rund
75-köpfige Wildhut für die neue Aufgabe in freier
Wildbahn gewappnet. Über die Strategie schweigen sich
die Verantwortlichen aus. Georg Brosi, Leiter des kantonalen
Amts für Jagd und Fischerei, glaubt, den Grossteil der
Jäger lasse dieses Thema kalt. Zu einer geschäftlichen
Besprechung oder einem persönlichen Schwatz sei ihnen
ohnehin nicht zumute: «Man sucht ja Ruhe und will die
Schönheit der Bergwelt geniessen.» Zudem herrsche
im unwegsamen Gelände naturgemäss sowieso oft Funkstille.
Auf das Verständnis der Jäger setzt auch Hannes
Jenny, Wildbiologe beim Amt für Jagd und Fischerei. Auf
der Pirsch könnten sie wohl kaum Vergnügen daran
finden, wenn es kurz vor dem finalen Schuss plötzlich
piepse. Jenny weist auch auf die Tradition Graubündens
hin, wo schon seit 476 Jahren die Volksjagd hochgehalten wird.
Kein Wunder, stossen hier neue Regelungen auf mehr Skepsis
als in Kantonen mit Revierjagd. Das Handy empfindet er trotzdem
nicht als «Stilbruch», er trage es aber «wahrscheinlich»
während der Jagd nicht mit sich: «Ich bin ein Hardliner.»
© Beobachter Ausgabe 19 vom 19. Sep 2002 - Alle Rechte vorbehalten








