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Augenzeuge Martin Schindler

«Angst packte mich wie noch nie»

Text:
  • Urs von Tobel
Bild:
  • Tomas Wüthrich
Ausgabe:
19/08

Den 16. August wird Martin Schindler, Eismeister und Wirt in Kandersteg, nie vergessen: An diesem Morgen trifft ein Felssturz sein Haus - just als er auf der Toilette ist. Der 31-Jährige bleibt unverletzt.

Neun Uhr, ich gehe gerade aufs Klo. Plötzlich ein Donnern und Krachen von der nahen Felswand - mir ist sofort klar, dass etwas Schlimmes passiert sein muss. Durch das Fenster erkenne ich, wie Holz und Steine durch Nebel und Regen fliegen. Ich renne zur Haustür. Dreck, Äste und Steine liegen kreuz und quer davor - ich weiche ins Haus zurück und lehne mich im Schock an den Türpfosten. Die Angst packt mich wie nie zuvor in meinem Leben. Mein Anruf bei der Feuerwehr schafft bloss Verwirrung - offenbar bin ich nicht einmal fähig, meinen Standort klar durchzugeben.

Ich fasse mich wieder und gehe ins Freie. Im Abstand von rund 20 Metern liegen Felsbrocken verstreut auf der Wiese, der grösste misst etwa 100 Kubikmeter. Nach einem kurzen Spurt erreiche ich den Parkplatz der Allmenalp-Luftseilbahn. Der zweite Notruf klappt: Ich kann dem Feuerwehrkommandanten klar erklären, wo ich bin und dass der Felssturz vom Hellhorn mein Heimetli getroffen hat.

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Hilfsangebote von allen Seiten

Langsam realisiere ich, dass ich Glück im Unglück gehabt habe. Keinen Kratzer habe ich abbekommen. Das Haus steht noch, allerdings mit stark beschädigtem Dach. Zwischen Schlafzimmer und Abstellraum hat zudem ein Felsbrocken wie ein Geschoss eingeschlagen. Wenn ich dort gestanden wäre... Ich denke an meine Lebenspartnerin Thea, die zum Glück schon um sechs Uhr früh das Haus verlassen hat und jetzt auf dem Weg Richtung Gotthardpass ist, wo sie am Open-Air-Konzert «Gotthard, Gölä und Pegasus» für das Catering zum Einsatz kommen soll. Mein Anruf erleichtert sie - nun weiss sie, dass ich heil davongekommen bin. Ein Anwohner hat ihr zuvor nur sagen können, dass ein Felssturz das Haus beschädigt hat.

Zwar fühlte ich mich anschliessend den ganzen Tag lang etwas schlottrig, doch die vielen Hilfsangebote stellten mich auf. Sogar der Gemeindepräsident sagte mir seine Unterstützung zu. Kollegen und Familie halfen uns den ganzen folgenden Montagvormittag, das Haus zu räumen. Auch der Versicherungsinspektor legte kräftig Hand an; er weiss nun genau, was alles Schaden genommen hat. Bei der Vergütung für den Hausrat wirds wohl keine Probleme geben, aber bis die Entschädigung für das Haus feststeht, dürfte noch viel Wasser die Kander hinunterfliessen. Wahrscheinlich werden wir hier nicht mehr wohnen dürfen; die Gemeinde wird wohl das Haus von der blauen Zone mit mittlerer Gefährdung in die rote Zone, die eigentliche Gefahrenzone, umteilen. Ein Blick auf die riesigen Felsbrocken auf der Wiese genügt bereits, um diesen Entscheid zu verstehen.

Das Leben innert Minuten verändert

Trotzdem denken wir mit Wehmut an unser Heimetli, das wir erst im April dieses Jahres gekauft haben. Ich hatte es als glücklichen Zufall betrachtet, als mir die damalige Eigentümerin bei einem Schwatz beiläufig erzählte, sie wolle das Haus verkaufen. Wir griffen zu. Ein Haus für uns allein, mitten in der Wiese, nicht weit vom Waldrand entfernt, aber nur in zehnminütiger Gehdistanz von meinem Arbeitsplatz in der Kandersteger Eishalle - davon hatten wir zuvor nur geträumt. Wie oft haben wir als neue Hauseigentümer den äsenden Rehen am Waldrand zugeschaut! Wir haben die kurze Zeit genossen.

Vor einem Felssturz fürchteten wir uns nie. Das kleine Wäldchen im steilen Hang - rund 100 Höhenmeter über dem Haus - zeugte davon, dass etwa 100 Jahre nichts passiert war. Nun sind die meisten Bäume geknickt, ein Felsbrocken steckt im Boden und erinnert an diesen denkwürdigen 16. August 2008, der innert Minuten unser Leben verändert hat.

Die Arbeit lenkt vom Grübeln ab

Jetzt wohnen wir im Dorf, in der Wohnung von Theas Grossvater, der kürzlich verstorben ist. Nun heisst es: neu einrichten und den ganzen Papierkram im Zusammenhang mit dem Felssturz erledigen - ausgerechnet jetzt, da mich die Arbeit voll beansprucht. Nur eine Woche nach dem Unglück hat nämlich die Hockeysaison begonnen, da bin ich als Eismeister gefordert; unsere «Kander Haie» haben schliesslich Anrecht auf gutes Eis. Zudem betreiben Thea und ich in der Eishalle das Restaurant Sport.

Doch eigentlich ist die berufliche Herausforderung zum jetzigen Zeitpunkt ganz gut. Da bleibt keine Zeit zum Trübsalblasen, keine Zeit zu hirnen, ob die Versicherung den ganzen Schaden übernehmen wird oder ob wir einen Schuldenberg abtragen müssen. Die Arbeit hilft uns, über den Schock hinwegzukommen. Nur in der ersten Nacht nach dem Felssturz hab ich eine Schlaftablette geschluckt, seither geht es bei mir und bei Thea ohne Medikamente und ohne psychologische Hilfe.

Ich habe zwar die grösste Angst in meinem Leben ausgestanden, muss aber nachträglich sagen, dass wir auch von einem riesigen Glücksfall sprechen müssen. Der Felssturz ist die entscheidenden 20 Meter neben dem Haus niedergegangen.

Das Klo erwies sich an diesem Tag nicht nur für mich als Lebensretter. Zur Zeit des Felssturzes verteilte der Pöstler ganz in der Nähe die Briefe und Pakete. Gott sei Dank legte er bei der Seilbahn einen Pinkelhalt ein - genau dann traf ein Stein vom Hellhorn die Motorhaube seines Dienstfahrzeugs.

© Beobachter Ausgabe 19 vom 17. Sep 2008 - Alle Rechte vorbehalten

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