Augenzeuge Reinhard Müller: «Ich hatte Todesangst»
Bereits über 60 Menschen fanden dieses Jahr in den Schweizer Bergen den Tod. Auch der 33-jährige Reinhard Müller stürzte ab – er überlebte wie durch ein Wunder.

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Der Blick vom 4221 Meter hohen Gipfel des Walliser Zinalrothorns
war schlicht überwältigend. Meine drei Bergsteigerkameraden
und ich waren um 4.30 Uhr im Dunkeln von der Rothornhütte
(3198 Meter über Meer) aus aufgebrochen. Gegen Mittag
waren wir oben erschöpft, aber glücklich,
unser Ziel erreicht zu haben. Das Wetter war top. Die Sicht
ebenso. Wir bewunderten die bezaubernd schönen Bergketten
um uns herum: das Matterhorn, den Mont-Blanc, das Obergabelhorn,
die Monte-Rosa-Kette, den Dom, das Nordend und das Allalinhorn.
Sogar die Berner Alpen mit Eiger, Mönch und Jungfrau
waren am Horizont gut zu erkennen.
Nach dem obligaten Gipfelfoto und einem stärkenden
Imbiss machten wir uns an den Abstieg. Die ersten 200 Meter
unter dem Gipfel seilten wir uns wenn immer möglich ab.
Als wir auf dem Triftgletscher ankamen, hatten wir das Schwierigste
hinter uns. Vor uns lag die weisse Fläche des Gletschers.
Weil keine Spaltengefahr bestand, verstauten wir die Seile
im Rucksack. Eine Fussspur wies uns den Weg über die
Eisdecke.
Mein Bruder Lothar stapfte voran. Hinter ihm ging Egon,
an dritter Stelle ich, und am Schluss kam Kurt. Dann passierte
es: Auf einem losen Eisklumpen drehte mein linker Fuss plötzlich
weg, und ich rutschte den steilen Hang hinab.
Nach Sekunden war der Spuk vorbei
Alles ging Knall auf Fall. Erst kam Eis, dann eine Felsplatte.
Ich schlitterte darüber hinweg, fiel zwei Meter in die
Tiefe und klatschte wieder auf das Eis. Wie über eine
Treppe ging es weiter abwärts, Schlag auf Schlag: über
Stein, Eis, Stein, Eis Ich versuchte meinen Pickel in
den Gletscher zu drücken, um den Sturz zu stoppen. Vergeblich.
Das Eis war pickelhart. Jetzt realisierte ich, dass ich machtlos
war. Ich hatte Todesangst.
Nach zehn Sekunden war der Spuk vorbei. Ich prallte 150
Meter unterhalb des Gletschers auf einem Schneefeld auf und
blieb regungslos liegen. Alles tat mir weh. Meine Kameraden
sahen zu mir herunter und riefen mir etwas zu. Ich konnte
sie nicht verstehen. Ich rief zurück, um ein Lebenszeichen
zu geben. Sie alarmierten sofort den Rettungsdienst. Der Helikopter
der Air Zermatt kam in Windeseile. Schon nach 20 Minuten kreiste
er über mir. Ein Bergretter seilte sich zu mir ab. Der
Heli drehte ab und kam kurze Zeit später mit dem Notarzt
wieder. Noch direkt auf dem Eisfeld steckte er mir drei Infusionen
und spritzte Schmerzmittel. In einen Bergungssack eingemummt,
wurde ich auf eine Wiese unterhalb der Rothornhütte geflogen
und in einen anderen Rettungshelikopter verladen.
Erwachen auf der Intensivstation
An den Flug nach Bern ins Inselspital erinnere ich mich nur
bruchstückhaft. Ich weiss noch, dass ich kaum atmen konnte
und nach Luft schnappte. Irgendwann während des Flugs
stiessen sie mir einen Schlauch in die Lunge. Dann verlor
ich das Bewusstsein. Tags darauf erwachte ich auf der Intensivstation
mit Schläuchen in der Nase, einer Magen- und einer
Lungensonde sowie einem Katheter.
Mein Becken und das rechte Sprungbein waren mehrfach gebrochen,
hinzu kamen mehrere Rippenbrüche. Zum Glück blieb
der Kopf unversehrt. Wie sich nach weiteren Untersuchungen
herausstellte, hatte ich auch keine inneren Verletzungen.
Ich wurde am Sprunggelenk operiert. Das Becken soll von
selber heilen. Dazu muss ich ruhig liegen. Was nicht allzu
schwierig ist: Jede Bewegung tut weh. Doch der Arzt hat mir
versichert, dass alles wieder gut werde. Gott sei Dank! Ich
hatte ein Riesenglück: Von all den Bergsteigern, die
an dieser Stelle abstürzten, überlebte bislang kein
einziger. Während des Sturzes ging mir durch den Kopf,
dass ich noch zu jung zum Sterben sei. In meiner Verzweiflung
schickte ich ein Stossgebet zum Himmel: «Lieber Gott,
jetzt musst du mir helfen!» Er muss mir einen Schutzengel
geschickt haben. Dafür bin ich sehr dankbar.
Irgendwie hatte ich schon vor Antritt der Tour ein mulmiges
Gefühl. Vielleicht sollte man auf solche Vorahnungen
achten. Doch dann wäre ich vielleicht ein anderes Mal
verunfallt tödlich.
Der Fehltritt war meine Schuld. Ich hatte den Gletscher
unterschätzt und gedacht, das Eis sei weicher. Doch weil
es diesen Sommer so heiss war, schmolz der Firn über
dem Gletscher weg. Hervor kam blankes, hartes Eis.
Ein Wink mit dem Zaunpfahl
Der Sturz hat mein Leben verändert. Bislang war das Bergsteigen
eine sportliche Herausforderung für mich, ein wunderschönes
Hobby. Meine Kollegen und ich hatten klein angefangen und
uns dann von Jahr zu Jahr gesteigert bis über
die magische Grenze der Viertausender hinaus. Doch für
mich ist jetzt Schluss. Dieses Jahr sind bereits über
60 Bergsteiger tödlich verunglückt. Mein Unfall
war für mich ein Wink mit dem Zaunpfahl. Ein Fehltritt
genügt und es kann der letzte sein.
In Zukunft möchte ich nicht mehr so hoch hinaus. Ich
werde die Bergwelt künftig wieder als Wanderer in beschaulicheren
Höhen geniessen.
© Beobachter Ausgabe 18 vom 05. Sep 2003 - Alle Rechte vorbehalten








