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Augenzeuge Reinhard Müller: «Ich hatte Todesangst»

Text:
  • Daniela Schwegler
Ausgabe:
18/03

Bereits über 60 Menschen fanden dieses Jahr in den Schweizer Bergen den Tod. Auch der 33-jährige Reinhard Müller stürzte ab – er überlebte wie durch ein Wunder.

Der Blick vom 4221 Meter hohen Gipfel des Walliser Zinalrothorns

war schlicht überwältigend. Meine drei Bergsteigerkameraden

und ich waren um 4.30 Uhr im Dunkeln von der Rothornhütte

(3198 Meter über Meer) aus aufgebrochen. Gegen Mittag

waren wir oben – erschöpft, aber glücklich,

unser Ziel erreicht zu haben. Das Wetter war top. Die Sicht

ebenso. Wir bewunderten die bezaubernd schönen Bergketten

um uns herum: das Matterhorn, den Mont-Blanc, das Obergabelhorn,

die Monte-Rosa-Kette, den Dom, das Nordend und das Allalinhorn.

Sogar die Berner Alpen mit Eiger, Mönch und Jungfrau

waren am Horizont gut zu erkennen.

Nach dem obligaten Gipfelfoto und einem stärkenden

Imbiss machten wir uns an den Abstieg. Die ersten 200 Meter

unter dem Gipfel seilten wir uns wenn immer möglich ab.

Als wir auf dem Triftgletscher ankamen, hatten wir das Schwierigste

hinter uns. Vor uns lag die weisse Fläche des Gletschers.

Weil keine Spaltengefahr bestand, verstauten wir die Seile

im Rucksack. Eine Fussspur wies uns den Weg über die

Eisdecke.

Mein Bruder Lothar stapfte voran. Hinter ihm ging Egon,

an dritter Stelle ich, und am Schluss kam Kurt. Dann passierte

es: Auf einem losen Eisklumpen drehte mein linker Fuss plötzlich

weg, und ich rutschte den steilen Hang hinab.

Nach Sekunden war der Spuk vorbei

Alles ging Knall auf Fall. Erst kam Eis, dann eine Felsplatte.

Ich schlitterte darüber hinweg, fiel zwei Meter in die

Tiefe und klatschte wieder auf das Eis. Wie über eine

Treppe ging es weiter abwärts, Schlag auf Schlag: über

Stein, Eis, Stein, Eis… Ich versuchte meinen Pickel in

den Gletscher zu drücken, um den Sturz zu stoppen. Vergeblich.

Das Eis war pickelhart. Jetzt realisierte ich, dass ich machtlos

war. Ich hatte Todesangst.

Nach zehn Sekunden war der Spuk vorbei. Ich prallte 150

Meter unterhalb des Gletschers auf einem Schneefeld auf und

blieb regungslos liegen. Alles tat mir weh. Meine Kameraden

sahen zu mir herunter und riefen mir etwas zu. Ich konnte

sie nicht verstehen. Ich rief zurück, um ein Lebenszeichen

zu geben. Sie alarmierten sofort den Rettungsdienst. Der Helikopter

der Air Zermatt kam in Windeseile. Schon nach 20 Minuten kreiste

er über mir. Ein Bergretter seilte sich zu mir ab. Der

Heli drehte ab und kam kurze Zeit später mit dem Notarzt

wieder. Noch direkt auf dem Eisfeld steckte er mir drei Infusionen

und spritzte Schmerzmittel. In einen Bergungssack eingemummt,

wurde ich auf eine Wiese unterhalb der Rothornhütte geflogen

und in einen anderen Rettungshelikopter verladen.

Erwachen auf der Intensivstation

An den Flug nach Bern ins Inselspital erinnere ich mich nur

bruchstückhaft. Ich weiss noch, dass ich kaum atmen konnte

und nach Luft schnappte. Irgendwann während des Flugs

stiessen sie mir einen Schlauch in die Lunge. Dann verlor

ich das Bewusstsein. Tags darauf erwachte ich auf der Intensivstation

– mit Schläuchen in der Nase, einer Magen- und einer

Lungensonde sowie einem Katheter.

Mein Becken und das rechte Sprungbein waren mehrfach gebrochen,

hinzu kamen mehrere Rippenbrüche. Zum Glück blieb

der Kopf unversehrt. Wie sich nach weiteren Untersuchungen

herausstellte, hatte ich auch keine inneren Verletzungen.

Ich wurde am Sprunggelenk operiert. Das Becken soll von

selber heilen. Dazu muss ich ruhig liegen. Was nicht allzu

schwierig ist: Jede Bewegung tut weh. Doch der Arzt hat mir

versichert, dass alles wieder gut werde. Gott sei Dank! Ich

hatte ein Riesenglück: Von all den Bergsteigern, die

an dieser Stelle abstürzten, überlebte bislang kein

einziger. Während des Sturzes ging mir durch den Kopf,

dass ich noch zu jung zum Sterben sei. In meiner Verzweiflung

schickte ich ein Stossgebet zum Himmel: «Lieber Gott,

jetzt musst du mir helfen!» Er muss mir einen Schutzengel

geschickt haben. Dafür bin ich sehr dankbar.

Irgendwie hatte ich schon vor Antritt der Tour ein mulmiges

Gefühl. Vielleicht sollte man auf solche Vorahnungen

achten. Doch dann wäre ich vielleicht ein anderes Mal

verunfallt – tödlich.

Der Fehltritt war meine Schuld. Ich hatte den Gletscher

unterschätzt und gedacht, das Eis sei weicher. Doch weil

es diesen Sommer so heiss war, schmolz der Firn über

dem Gletscher weg. Hervor kam blankes, hartes Eis.

Ein Wink mit dem Zaunpfahl

Der Sturz hat mein Leben verändert. Bislang war das Bergsteigen

eine sportliche Herausforderung für mich, ein wunderschönes

Hobby. Meine Kollegen und ich hatten klein angefangen und

uns dann von Jahr zu Jahr gesteigert – bis über

die magische Grenze der Viertausender hinaus. Doch für

mich ist jetzt Schluss. Dieses Jahr sind bereits über

60 Bergsteiger tödlich verunglückt. Mein Unfall

war für mich ein Wink mit dem Zaunpfahl. Ein Fehltritt

genügt – und es kann der letzte sein.

In Zukunft möchte ich nicht mehr so hoch hinaus. Ich

werde die Bergwelt künftig wieder als Wanderer in beschaulicheren

Höhen geniessen.

© Beobachter Ausgabe 18 vom 05. Sep 2003 - Alle Rechte vorbehalten

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