Augenzeugin Monica Joss
«Ich hörte das Getuschel der Schlanken»
Als die 39-jährige Direktionsassistentin aus Zürich ihr Höchstgewicht von 112 Kilo erreicht hatte, liess sie sich ein Magenband anlegen – mit Erfolg.

Mein Kampf gegen die Pfunde begann früh. So richtig schlank war ich nie. Ich bin nur 1,63 Meter gross und eher kräftig gebaut; 64 Kilo war mein bestes Gewicht, da passte ich in Kleidergrösse 38. Damals gefiel ich mir noch. Aber es gelang mir nicht, das Gewicht zu halten. Vielleicht auch, weil ich keinen Sport mehr treiben konnte. Joggen und Skifahren waren seit einem Reitunfall tabu, und zum Schwimmen hatte ich keine Lust.
Ich entwickelte mich zur Frustesserin
Schnell wurden es zehn, zwölf Kilo und ein, zwei Kleidergrössen mehr. Keine Diät, die ich nicht ausprobiert habe. Ich nahm schnell ein paar Kilogramm ab, dann wieder zu und wog danach mehr als vorher. Lange konnte ich nie durchhalten, denn die Vorstellung, den Rest des Lebens nie genug und vorwiegend Gemüse zu essen, fand ich deprimierend. Gemüse mag ich nicht, dafür Schokolade.
Massive Gewichtsprobleme bekam ich nach meiner Heirat 1996. Die Ehe gestaltete sich schwieriger als erwartet; ich entwickelte mich zur Frustesserin. Sobald ich anfing, ass ich ständig – den ganzen Tag lang. Ich liess das Frühstück aus, um nicht zu früh mit der Fresserei anzufangen. Doch ab Mittag gabs kein Halten mehr: Rösti und Bratwurst, Nudeln und Braten mit viel Sauce, Sandwiches, Pizza – und immer gehörte ein Dessert dazu.
Im Restaurant spürte ich die Blicke der Schlanken in meinem Rücken, hörte ihr Getuschel: «Jetzt ist die schon so fett, muss sie da noch Kuchen essen?» Ich stellte mich taub und dachte: «Ich bin fett – na und?» Aus Trotz verdrückte ich im Büro noch ein, zwei Tafeln Schokolade.
Ich sah, dass ich immer dicker wurde, und war unglücklich. Und weil ich unglücklich war, ass ich noch mehr. Bei rund 90 Kilo bekam ich ein Doppelkinn, die Konturen meines Gesichts versanken im Fett. Das störte mich sehr.
1998 kam mein Sohn Eric zur Welt – kurz danach brachte ich 112 Kilo auf die Waage. Ich konnte die Schuhe nicht mehr binden, meine Gelenke taten mir weh, und wenn ich an einer Messe arbeitete, konnte ich keine zwei Stunden am Stand stehen. Durch meinen damaligen Arzt erfuhr ich von einer Magenbandstudie der Zürcher Universitätsklinik. Er meldete mich bei Doktor Renward Hauser an, der das Programm aus seiner Praxis betreut. Es folgten psychologische und medizinische Tests, man zeigte mir Vorher-nachher-Bilder und erklärte mir, wie ein Magenband genau funktioniert. Ein Jahr lang zog sich das Prozedere hin.
Am 3. August 1999 war es endlich so weit. Ich hatte keine Angst vor dem Eingriff. Natürlich gab es Leute, die mich vor den Gefahren warnten. «Was ist, wenn du stirbst? Du hast einen kleinen Sohn!» Mir war das alles klar – vor allem aber auch, dass ich keine gute Mutter sein konnte, wenn ich immer dicker und nur noch auf der Couch sitzen würde.
Die ersten zehn Tage nur Püriertes
Die Operation fand unter Vollnarkose statt. Drei kleine Schnittchen genügten, man musste mir nicht den Bauch aufschneiden. Um die obere Hälfte des Magens wurde ein Band aus Silikon gelegt, so dass ein Vormagen mit nur etwa 20 bis 30 Millilitern Inhalt entstand: Ist dieser voll, verspürt man kein Hungergefühl mehr.
Die ersten zehn Tage konnte ich nur Püriertes essen – höchstens zwei, drei Löffelchen. Eine Ernährungsberaterin erklärte mir, wie ich trotz winzigen Portionen gesund bleiben könne. Anfangs litt ich unter Eisen- und Eiweissmangel, denn ich esse kaum noch Fleisch oder Brot, weil es unendlich lange dauert, bis es so gut zerkaut ist, dass ich es ohne Schmerzen schlucken kann. Zum langsamen Essen habe ich mich zwingen müssen, weil es mir sonst schlecht geht – oder alles zurückkommt. Ich esse jetzt gern Salat, weil der länger vorhält als Gemüse, Fisch und Meeresfrüchte, Joghurt und Quark. Manchmal gönne ich mir auch ein kleines Stängeli Schokolade. Ich esse wenig, habe aber immer ein gutes, sattes Gefühl im Bauch.
Mit den Kilos auch die Form verloren
Innerhalb eines halben Jahres war ich schon 30 Kilos los – und im wahrsten Sinne des Wortes erleichtert. Die letzten zehn verschwanden wie von selbst nach der Trennung von meinem Mann.
Heute wiege ich um die 70 Kilogramm. Damit bin ich zufrieden. Doch mit dem Gewicht verlor ich auch die Form. Mein Bauch war durch zwei Schwangerschaften ziemlich ausser Form; der Gewichtsverlust tat ein Weiteres: Die ausgeleierte Haut hing wie ein leerer Sack herunter. Das war nicht nur hässlich, sondern auch unhygienisch. Ich schwitzte am Bauch, die Haut juckte, und ich hatte immer das Gefühl, ich stinke.
Um die Bauchdecke straffen zu lassen, legte ich mich ein weiteres Mal unter das Messer. Die Narbe zieht sich fast rund um den ganzen Unterleib. Das war vor ein paar Wochen. Ich trage noch immer einen Kompressionsgürtel, eine Art Stützkorsett, bis alles gut verheilt ist
Heute fühle ich mich wieder wohl in meiner Haut. Das Essen bestimmt nicht mehr mein Leben, weil ich nicht mehr dauernd hungrig bin. Ich kann mit meinem Sohn schon kleine Wettrennen machen – und ich freue mich schon jetzt darauf, bald wieder mit den Rollerblades unterwegs sein zu können.
© Beobachter Ausgabe 1 vom 08. Jan 2004 - Alle Rechte vorbehalten








