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Auswanderer
Ein Stück Wallis in der Pampa
Die Auswandererkolonie San Jerónimo Norte in Argentinien feiert ihren 150. Geburtstag. Die dazu geladenen Gäste aus der Schweiz müssen kein Spanisch können: Man spricht hier «Wallisertiitsch».
Der Torbogen ist schon aus der Ferne zu sehen. Weiss gekalkt ragt er in den blauen Himmel: «Bienvenidos a San Jerónimo Norte». Das Ortswappen, in dem das Schweizer Kreuz prangt, glänzt frisch gestrichen im Sonnenschein. Argentinien im August, Winter auf der Südhalbkugel. Das Land ist flach bis zum Horizont, die Leiber schwarzer Rinder wogen durchs Gras. In San Jerónimo herrscht Stille, gespenstisch fast, als müsste das Dorf Schnauf holen für die bevorstehenden Festivitäten: Die Schweizer Kolonie, sechs Autostunden von Buenos Aires entfernt, erwartet Besuch aus der alten Heimat.
Visp im Wallis: Iwan Heinzmann freut sich schon lange darauf, nach San Jerónimo zurückzukehren. Vor 16 Jahren war er zuletzt dort. «Das muss für meine Vorfahren schwierig gewesen sein, von den steilen Bergen in die flache Pampa», sinniert er und tigert in seiner Wohnung herum, Broschüren über San Jerónimo zusammentragend. Die Geschwister seines Urgrossvaters Johannes Sattler wanderten im 19. Jahrhundert nach Argentinien aus, weil sie im Wallis unter drückender Armut litten. Durch Heinzmanns Küchenfenster geht der Blick hoch nach Visperterminen, dem kleinen Dorf mit dem höchstgelegenen Rebberg Europas. «Dort kommen wir her», sagt er. Seine vier Brüder und Schwestern sind noch dort oben. Er, der Junggeselle, ist der Einzige, der des Berufs wegen ins Tal gezogen ist. Bei einer Visper Chemiefabrik hat er eine Stelle, er ist gut versorgt. «Die Geschwister meines Urgrossvaters hingegen mussten Zündhölzchen ziehen, weil es im Dorf zu viele hungrige Mäuler gab. Wer das schlechte Los erwischte, der musste gehen.» 
Die Dorfspelunke steht zum Verkauf: Oggier-Zurbriggen heisst der Anbieter.
Eine zweite kleine Schweiz in Übersee
Ab 1850 wuchs die Bevölkerung im Wallis rapide, von industrieller Entwicklung konnte aber im Bergkanton keine Rede sein. Der landwirtschaftlich nutzbare Boden wurde knapp, und in den Dörfern griff der Hunger um sich. Überschwemmungen des Rottens, Missernten und Feuersbrünste machten das Leben unerträglich. Zwischen 1849 und 1919 trieb die Auswanderungswelle 14'000 Walliser nach Übersee. Argentinien galt für viele als Paradies: «Der Boden ist billig und von einer fabelhaften Ertragsfähigkeit. Die argentinischen Provinzen fassen noch unbewohnte Landstriche in sich, so dass es ein Leichtes ist, eine zweite kleine Schweiz zu gründen», warb 1858 die Agentur Beck & Herzog für ihre Reisen in die Ferne.
Anfänglich erhielten die Zurückgebliebenen regelmässig Briefe von den Ausgewanderten. Ab etwa 1920 brach der Kontakt jedoch ab - bis 1990 der Verein «Walliser in aller Welt» gegründet wurde, um «eine Begegnung mit ausgewanderten Wallisern und ihren Nachkommen zu organisieren». Anlässlich der 700-Jahr-Feier der Schweizer Eidgenossenschaft wurden die Nachkommen der Auswanderer ins Wallis eingeladen. Iwan Heinzmann beherbergte Argentinier aus San Jerónimo: «Es war unglaublich, wie viele positive Emotionen der Zusammengehörigkeit dieses Treffen bei mir auslöste.» Dass er jetzt, zur 150-Jahr-Feier der Kolonie, mit rund 60 anderen Schweizern nach Argentinien reise, sei keine Frage gewesen. Die Leute in San Jerónimo seien «uhüere lieb», das Wiedersehen wolle er sich nicht entgehen lassen.
Gründungsgeschichte als Schultheater
Der grosse Platz im Zentrum des 6000 Seelen zählenden San Jerónimo ist leergefegt. Nebel und eisiger Wind am 15. August 2008: San Jerónimo hat Geburtstag. Hunderte weisser Plastikstühle stehen säuberlich aufgereiht. Arbeiter schrauben ein riesiges Plakat auf die Rückwand einer Bühne. Es zeigt rustikale Chalets, blühende Wiesen, schneebedeckte Alpen: das ferne Wallis als Ferienparadies.
Vor der «Sociedad Suiza», dem örtlichen Schweizerverein, steht einsam der leere Car der Walliser Reisegruppe. Der Chauffeur bläst Zigarettenrauch in die kalte Morgenluft. Die Schweizer feiern in der warmen Dorfkirche mit ihren argentinischen Neffen und Nichten die heilige Messe. Die Holzbänke sind bis auf den letzten Platz gefüllt. Iwan Heinzmann steht kerzengerade im Chor, singt Seite an Seite mit den angereisten Eidgenossen deutsche Kirchenlieder. Junge Männer tragen die Muttergottes durchs Kirchenschiff.
Die Gründungsgeschichte, die man sich im Dorf erzählt, trägt biblische Züge: Als die Oberwalliser Familien Heimo, Blatter, Falchini, Perrig und Hug nach einem Gewaltmarsch die Provinz Santa Fe erreicht hätten, arm und erschöpft, habe das erste Kind der Kolonie unter einem Baum das Licht der Welt erblickt. Eine Geschichte, die von den Schulklassen San Jerónimos alle Jahre wieder aufgeführt wird.
Die Entstehung der Kolonie ist vor allem Lorenz Bodenmann zu verdanken. Der Oberwalliser aus Grengiols, der 1857 in Santa Fe Fuss fasste, kehrte viermal in die Schweiz zurück, um neue Kolonisten anzuwerben, die sich dann im Gebiet des heutigen San Jerónimo ansiedelten. Die Kolonisten liegen auf dem Dorffriedhof begraben, wo es von Oberwalliser Geschlechtsnamen wimmelt. Pompöse Familiengräber zeugen vom wirtschaftlichen Erfolg der Ausgewanderten.
Inszenierung von Heimat
Im krisengeschüttelten Argentinien von heute ist vieles anders. In einer nahen Beiz sprechen die Enkel und Urenkel der Verstorbenen dem Alkohol zu. Im Fenster hängen die argentinische und die Schweizer Flagge nebeneinander, aus grossen Boxen plärren Ländler auf die Strasse, fast unerträglich laut. «Eh, bist du Schweizer?», rufen sie auf Spanisch. Sie stellen einen Anisschnaps auf den Tisch und sich selbst vor. Hugo José Oggier, Leandro Briggiler, Raúl Carlos Eggel, Juan Carlos Imwinkelried. Die Männer arbeiten in der Milchwirtschaft oder in Möbelschreinereien. Berufe, in denen sie meist nicht viel verdienen und die ihre Gross- und Urgrosseltern mitgebracht hatten.
Auf dem Dorfplatz haben die Festumzüge begonnen. Die aufwendig gestalteten Wagen erzählen, wie die Immigranten mit dem Segelschiff kamen, ihre ersten, einfachen Behausungen errichteten und langsam die Kolonie aufbauten. Die angereisten Schweizer sitzen in der ersten Reihe, in roten T-Shirts mit der Aufschrift «150 Jahre San Jerónimo Norte». Später defilieren auch sie vor dem versammelten Dorf, Schweizer Kreuze auf den Backen und rot-weisse Fähnchen verteilend. Iwan Heinzmann ist mittendrin. «Die Leute in San Jerónimo sind im Vergleich zu uns wahre Schweizer Nationalisten», stellt er fest und wirft eine Handvoll Feuersteine ins Publikum. Der 45-Jährige strahlt übers ganze Gesicht wie ein Bub. Am Abend spielt das Orchester «Zillertal», zwei grossgewachsene blonde Schönheiten jodeln auf der Bühne. Draussen auf der Strasse betrinken sich die Jugendlichen, die wie Schweizer aussehen und doch Argentinier sind. Auf ihre Herkunft angesprochen, sagen sie: «Das Wallis, davon wissen wir nichts. Und diese Schweizermusik gefällt uns überhaupt nicht, viel zu eintönig.»
Jubiläum in San Jerónimo: Argentinier feiern ihr fast vergessenes Schweizer Erbe.

Die Schönheitsköniginnen des Dorfs, rechts die Schönheitskönigin des Schweizerfestes vom 15. August, die «reina nacional de la fiesta del folclore suizo».

Argentinierin in Schweizer Tracht.

Argentinische Kinder auf einem Umzugswagen am Festumzug in Schweizer Kleidern mit Handörgeli.
Für Klaus Anderegg, der als Ethnologe rund vier Jahre an einem Nationalfonds-Projekt zur Oberwalliser Auswanderung gearbeitet hat, ist das Desinteresse gegenüber der Schweiz nichts Neues. «Schon bei meinem ersten Besuch in San Jerónimo 1984 haben die Leute kaum mehr gewusst, was die Schweiz oder das Wallis ist.» Die Festivitäten, die von aussen wie Volkskultur aussähen, seien lediglich eine Inszenierung von Heimat: «Was seit der Wiederentdeckung der Kolonie im Jahr 1991 geschieht, ist die Schaffung eines neuen ethnischen Bewusstseins.» Dabei werde viel in San Jerónimo hineininterpretiert, das gar nicht mehr vorhanden sei. 
Als «Schweizer» verkleideter Argentinier zwischen «Gauchos».

Einer der angereisten Walliser aus der Schweiz beim Handörgeli-Spiel im Festsaal des Schweizervereins «Asociedad Suiza».

Die «Helvetia» - mit argentinischem Pass.
Arbeitermentalität und Katholizismus
Dennoch: Ganz gekappt sind die Wurzeln nicht. Bis heute haben sich in San Jerónimo eine strenge Arbeitermentalität und ein traditioneller Katholizismus erhalten - und der Walliser Dialekt. Im Haus von Alfredo Sattler und seiner Frau Adela Schinner hat sich ein Kränzchen älterer Dorfbewohner eingefunden, die noch «Wallisertiitsch» sprechen. Im Fernsehen läuft das Schweizprogramm: Der Gottesdienst vom Vortag wird wiederholt. Die Runde ist heiter, es wird gelacht und ein bisschen Bier getrunken.

Pedro Bürcher erzählt:
Als der 87-jährige Pedro Bürcher zu erzählen beginnt, wird es andächtig still. Langsam erwachen verloren geglaubte Wörter zum Leben. Wie eine Melodie aus einem winzigen, antiken Drehörgeli steigt in diesem kleinen Wohnzimmer in San Jerónimo Norte, in der Weite der argentinischen Pampa, eine alte Welt empor. Sie erzählt vom Leben auf dem Land, von der «Grossmüetter» und ihrem Rosenkranz, von Gebetbüchern, vom schmerzvollen Ledergürtel des Grossvaters und von schnellen Kinderbeinen. Frida Walker-Schinner stimmt ein Lied an. Sie jodelt. Für diese Handvoll Walliser Nachkommen bedeutet der altertümliche Dialekt - fernab vom Festgeläut - Identität und Heimat.

Eligio Clemente Zurschmitten erzählt:

Frida Walker-Schinner erzählt:
Und singt ein Volkslied:
«Der Walliser Dialekt in San Jerónimo ist ein Relikt und wird mit Sicherheit aussterben», sagt Klaus Anderegg. Das wissen auch die aus der Schweiz angereisten Walliserinnen und Walliser. Eine Reiseteilnehmerin erzählt, sie habe eine alte Frau kennengelernt und sich blendend mit ihr unterhalten. Am letzten Tag habe diese zu ihr gesagt: «Heute muss ich dir für immer Lebewohl sagen. Ich bin jetzt 86-jährig und werde nächstes Mal wohl nicht mehr leben!» Darauf habe sie ihr lachend geantwortet: «Dann treffen wir uns halt im Himmel.» Sie werde zusehen, dass sie dasselbe Zimmer bekämen: «Dä tüemmer den fescht walliseru!»

Gerardo Jose Eggel-Claussen erzählt:

Justino Enrique Walker erzählt:
© Beobachter Ausgabe 18 vom 03. Sep 2008 - Alle Rechte vorbehalten






