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Claude Nobs: Komposition für Gratinfans

Text:
  • Röbi Koller
Ausgabe:
13/03

Vor 37 Jahren gründete der ehemalige Koch das Jazzfestival in Montreux, das er noch heute leitet. Auch am Herd setzt er ganz auf Kreativität.

Zuerst verlangt Claude Nobs einen Grundsatzentscheid. «In welcher Küche sollen wir kochen?» Platzprobleme plagen den Hausherrn des Chalet «Picotin» in Caux oberhalb von Montreux nicht. In diesem verschachtelten Konstrukt aus uralten, neuen, angebauten oder renovierten Hausteilen gibt es eine Unzahl von Räumen – alle von oben bis unten voll gestopft mit Antiquitäten und Raritäten: Drei Original-«Wurlitzer»-Musikboxen mit 78er-Schellackplatten stehen da, Dutzende Modelleisenbahnen hinter Vitrinen, zwei alte «Agusta»-Motorräder, ein Billardtisch und Art-déco-Leuchten, wohin das Auge reicht. Wer im hauseigenen Kino Platz nimmt, sitzt bequem in ehemaligen Erstklassfauteuils der Swissair.

Hier lebt der Gründer und – seit bald 40 Jahren – Motor des berühmten Jazzfestivals von Montreux. Der Kurort verdankt einen Grossteil seines Renommees dieser Veranstaltung, die zwar nur knapp 20 Tage pro Jahr dauert, aber permanent für Aufmerksamkeit sorgt. Künstler wie Miles Davis, Herbie Hancock oder Aretha Franklin traten im Kasino von Montreux auf. Grosse Namen wie George Benson, Van Morrison oder Herbert Grönemeyer sorgen auch dieses Jahr für volle Säle.

Dass die Tourismusverantwortlichen in der Region über die Power von «Montreux Jazz» nicht nur glücklich sind, ist verständlich. Anders gesagt: Es spielt keine Rolle, wer Kurdirektor von Montreux ist, denn der wirklich mächtige Mann hier ist Claude Nobs. Hat er deswegen Feinde? Er wisse es nicht, sagt Nobs. Er selber kann «niemanden hassen, denn das erzeugt in mir eine negative Energie. Viel eher versuche ich, Menschen, mit denen ich nichts zu tun haben möchte, zu vergessen.»

«Ich bin ein Technikbanause»

Wir entscheiden uns, die Open-Air-Küche in Betrieb zu nehmen und auf dem offenen Feuer zu kochen. «Ich habe auch einen Gasgrill, benütze ihn aber nicht. Nicht einmal Holzkohle kommt bei mir zum Einsatz», betont Nobs. In der Hauptküche stehen zwar Elektrogeräte der neusten Generation. Doch diese benutzt Nobs, ehemaliger Koch und Handwerker alter Schule, nur ungern. «Ich bin ein Technikbanause. Beim Computer bin ich schon froh, wenn ich den On-Off-Knopf finde.»

Das Chalet «Picotin» ist für Claude Nobs zugleich Arbeitsort und Reduit. Hierhin zieht er sich mit seinem Lebenspartner zurück, um die Ruhe zu geniessen, hier empfängt er aber auch Musiker und Journalisten zu Pressekonferenzen und Partys. Während des Festivals sorgen neun Angestellte für das Wohl der Gäste.

Trotzdem hat er nicht verlernt, selber Hand anzulegen. Das beginnt beim Einkaufen, wo er sich sparsam zeigt: «Ich achte auf Aktionen. Viele Leute denken, die verbilligte Ware sei von schlechterer Qualität. Ich sehe jedoch nicht ein, warum ich mehr Geld als nötig ausgeben sollte.»

Die Menüplanung ist bei Nobs eine Art Auslegeordnung: den Kühlschrank plündern und dann überlegen, was man aus dem Vorhandenen machen könnte. Die Gemüsesuppe vom Vortag verwandelt sich in einen Gratin, und das Fleisch wird wohl auf dem Grill landen. Ich staune ob der Vielfalt an Gewürzen. Das Geheimnis dahinter: eine enge Freundschaft mit Philippe Rochat. Der Starkoch schenkte Nobs zum 65. Geburtstag 65 Gewürze.

Wir verschieben uns ins Freie. Die Luft ist angenehm frisch, die Tannen, Lärchen und alten Kirschbäume geben ausreichend Schatten. Wer auf 1100 Meter über Meer lebt, muss schwindelfrei sein, denn die Aussicht auf Vevey, Lausanne und den Lac Léman kommt einem Blick aus dem Heissluftballon gleich.

Dass es Claude Nobs immer wieder schafft, die Elite der internationalen Musikszene nach Montreux zu holen, verdankt er weniger einem riesigen Budget als seinem Sinn für den guten alten Tauschhandel. «Ich gebe dir etwas, du gibst mir etwas», nennt er seine Art, Geschäfte zu machen. «Könnte man dich als Mischler oder gar als Schlitzohr bezeichnen?», frage ich. «Ja, etwas in diese Richtung.»

Ein Ferrari für Miles Davis

Ebenso wichtig aber ist seine Fähigkeit, für die Künstler ein besonderes Ambiente zu schaffen und selbst ausgefallene Wünsche zu erfüllen. Als es etwa Miles Davis nach einer Fahrt in einem Ferrari gelüstete, setzte Nobs alle Hebel in Bewegung, um einen solchen aufzutreiben. Davis freute sich zwar, machte sich aber einen Spass daraus, seinen Gastgeber noch weiter zu fordern: «Wie bitte, einen roten? Ich wollte einen schwarzen!»

Jetzt tut es Nobs den Jazzmusikern gleich und improvisiert am offenen Feuer. Permanent schiebt er die Pfannen auf dem Grill herum, damit nichts anbrennt. Als wir dann endlich vor den vollen Tellern sitzen, rotiert er weiter und entschuldigt sich: «Der Koch kann nicht mitessen, das ist eine alte Regel.» Nach einer Vorspeise, einem Hauptgang, einem Salatteller und einem ausgiebigen Käsedessert sagt er zufrieden: «Voilà, c’était un petit pic-nic!»

© Beobachter Ausgabe 13 vom 25. Jun 2003 - Alle Rechte vorbehalten

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