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Kochen mit Alex Capus

Den richtigen Thon getroffen

Text:
  • Röbi Koller
  •  und Christof Schürpf
Ausgabe:
2/04

Schriftsteller Alex Capus ist ein Perfektionist: Für ihn ist Kochen ein Handwerk, das höchste Präzision verlangt – genau wie das Schreiben.

Seine Haare sind nicht mehr so kurz wie auf den neusten Fotos. Aber auch nicht so lang wie auf den alten. Alex Capus, blond und struppig, sagt, die optische Veränderung habe weniger mit Eitelkeit als mit Identität zu tun. «Als ich nach einer Reise beim Zöllner den Pass nicht zeigen musste, weil er mich erkannte, und der Kondukteur der SBB sich nach meinem
neusten Buch erkundigte, beschloss ich, die Haare zu schneiden. Mir graute vor dem Gedanken, als mein eigenes Markenzeichen herumlaufen zu müssen.»

Stimmungswechsel in Italien


Capus wurde in Frankreich geboren, lebt aber seit dem fünften Altersjahr in Olten. In den letzten Jahren pendelte er zwischen der Schweiz und Italien. Fast wäre das Piemont zur zweiten Heimat geworden. Aber seit Berlusconis Machtübernahme habe er vermehrt fremdenfeindliche Tendenzen gespürt, sagt der Schriftsteller: «Wenn der Gemeindepräsident ein Lega-Politiker ist, hat das direkte Auswirkungen auf den Umgangston im Dorf.» Auch da waren Capus’ lange Haare ein Thema: «Ein Schriftsteller, der wie ein Hippie aussieht, ist verdächtig.»

Alex Capus hat die Konsequenzen gezogen und lebt heute mit seiner Frau und den drei Söhnen wieder ganz in Olten. Wir sitzen in der grossen Küche, deren Einrichtung nicht fest eingebaut ist, sondern aus einzelnen Möbeln besteht. Alex Capus kennt das aus dem Ausland: «Dort ist man mobil und nimmt die Küche beim Umzug mit. Bei uns hingegen scheint alles für die Ewigkeit gebaut zu sein.»

Heute Abend möchte er ein mediterranes Menü mit einer währschaften Beilage kombinieren: Thunfisch mit Kartoffelstock – weil «der Stock» in der Familie mehrheitsfähig sei. Während wir arbeiten, spielt das Radio Musik, die gar nicht nach Hitparade tönt. Die Frequenz heisst Kanal K und ist ein Aargauer Alternativsender mit Spartenprogrammen aus verschiedensten Ländern. «Ich verstehe zwar kein Wort von den türkischen Beiträgen», sagt Capus, «aber ich höre trotzdem gern zu.»

Beim Schreiben geht Capus ähnlich vor wie beim Kochen: Er recherchiert genau und überlässt wenig dem Zufall. Die Fakten müssten stimmen, sagt er, gibt aber zu, auch schon Fehler gemacht zu haben. In seinem letzten Roman «Fast ein bisschen Frühling», der 1933 spielt, schreibt Capus von einem Mann in einem Plastikregenmantel. Ein Leser machte ihn darauf aufmerksam, dass Plastik damals noch gar nicht existierte – es habe bloss gummierte Baumwolle gegeben.

Capus arbeitet zu Hause und hat sich einen regelmässigen Stundenplan auferlegt. Seine Frau Nadja ist als Juristin an der Uni Basel tätig, die Kinderbetreuung teilen sich die beiden auf. Das kann an einem Werktag so aussehen: früh aufstehen und die Ruhe vor dem Sturm geniessen, die Kinder wecken, das Frühstück zubereiten, die Kinder zur Grossmutter bringen, am Computer arbeiten, Mittagessen kochen, gemeinsam essen, zwei Stunden schreiben.

Neben seinen Romanen schreibt Capus für diverse Zeitungen und Zeitschriften. Für die «Schweizer Familie» verfasste er «Reportagen zur Schweizer Geschichte» – kleine Lesekunststücke mit unbekannten Aspekten und Anekdoten aus unserem Land. Etwa die Geschichte des Gärtners, der sich in einem Edelinternat am Genfersee mit einem Jungen aus gutem Haus anfreundete. Der Schüler wurde später zum Schah von Persien gekrönt; der Gärtner reiste mit nach Teheran und arbeitete dort als Privatsekretär Seiner Exzellenz.

Recherchen in der Südsee


Diese Geschichte könnte auch aus einem Roman von Capus stammen. In seinem neusten Werk «Glaubst du, dass es Liebe war?» steht der Velohändler Harry Widmer im Mittelpunkt. Der Mann fällt kaum eigene Entscheidungen, er tut vielmehr, was er tun muss. Capus ist überzeugt, dass uns das Schicksal viele Weichen stellt und einiges vorbestimmt ist. «Wir folgen der vorgezeichneten Spur unseres Lebens. Das zeigt sich bei jeder Klassenzusammenkunft, wenn du feststellst, dass deine Kameraden in den Grundzügen alle so geblieben sind, wie sie schon immer waren.»

Capus nächster Roman wird in der Südsee spielen. «Es geht um Seeräuber, Schatzsucher, Schriftsteller und schöne Frauen.» Natürlich wird der Autor wieder vor Ort recherchieren – begleitet von seiner ganzen Familie, die sich auf spannende Ferien auf einer exotischen Insel freut.

Alex Capus ist mit seinen 1,92 Metern Körpergrösse eine imposante Erscheinung. Er sieht gut aus und hätte wohl ein leichtes Spiel, wenn er bluffen wollte. Das liegt ihm aber fern. «Was du auch tust, es bedingt solides Handwerk und ist ein Ausdruck deiner Haltung. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein anständiger Mensch ein unanständiges Buch schreibt.»

Capus’ Thunfisch ist hervorragend geworden, lag aber etwas zu lange im Ofen und ist daher einen Hauch zu trocken. Der Koch gibt das offen zu – denn wie gesagt: Bluffen liegt ihm nicht.

© Beobachter Ausgabe 2 vom 22. Jan 2004 - Alle Rechte vorbehalten

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