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Kochen mit Charles Lewinsky

Querbeet erfolgreich

Text:
  • Röbi Koller
Bild:
  • Niklaus Spoerri
Ausgabe:
17/06

Von der Sitcom bis zum Roman: Schriftsteller Charles Lewinsky hatte bereits in verschiedenen Sparten Erfolg. Auch in Küche und Garten geht er gewitzt zur Sache.

(Bild: Niklaus Spoerri)

Der Ort heisst Vereux und ist eine Ansammlung weniger Häuser, einer Kirche und eines verlassenen Bahnhofs. Sonst gibt es hier praktisch nichts: kein Restaurant, keine Post, keine Apotheke, weder Schule noch Pfarrhaus. Das einzig Auffällige ist ein hohes Silogebäude aus Beton, das von weit her zu sehen ist.

Wer den erfolgreichen Schweizer Schriftsteller besuchen will, muss nach Frankreich fahren. Charles Lewinsky hat zwischen dem Elsass und dem Burgund, in der Region Franche-Comté, ein Haus gefunden, das exakt seinen Vorstellungen von Abgeschiedenheit entspricht. Hier entstand sein aktueller Roman «Melnitz».

Der Hausherr empfängt uns im Sommertenü: kurze Hose, T-Shirt, barfuss. Nach einem Rundgang durch den Garten ist mir klar, dass er offenbar nicht nur den ganzen Tag am PC sitzt. Die Beete sind so gepflegt, dass man die Arbeit eines Profis dahinter vermutet. Charles Lewinsky begründet die perfekte Präsentation so: «Die Leute im Dorf bewerten dich nicht nach deinem Beruf, sondern nach deinem Garten. Vermutlich hat keiner meiner Nachbarn eines meiner Bücher gelesen. Aber sie stellen fest, dass bei mir schön gejätet ist.»

«Es bitzli gwaggle müend Si!»


Charles Lewinsky ist gern draussen und freut sich, wenn er Gemüse für die Wintermonate einmachen kann und wenn in der Saison eigenes Grünzeug auf den Tisch kommt. Die Hauptsache aber seien für ihn die Blumen. Ob er sie benennen kann? «Nein, ich habe keine Ahnung», behauptet er. Und dann zählt er trotzdem einige Sorten auf, inklusive Blütezeit: Kokardenblumen, Zierknoblauch, Dreimasterblumen, Seidelbast.

Wir rüsten die Zutaten fürs Mittagessen unter freiem Himmel. Der Gastgeber kokettiert auch beim Kochen ein wenig, wenn er behauptet, er kenne die genauen Mengen der Zutaten nicht. Später wird er klare Angaben fürs Rezept machen und haarscharf auf Details hinweisen.

Es geht gegen Mittag, die Sonne brennt, und wir ziehen uns in die kühle Küche zurück. Ein grosses Emailschild der Wiener Lewinskystrasse gaukelt dem Besucher vor, dass er bei einem Nachfahren einer berühmten österreichischen Familie zu Besuch ist. Weit gefehlt: Charles Lewinsky hat keine Verwandten, die so prominent wären, dass man Strassen nach ihnen benennen würde.

Das Anstrengendste am Rezept des gefüllten Perlhuhns ist die Wartezeit. Drei Stunden muss man rechnen, bis der Vogel gar ist. Kein Stress also, um Lewinskys Werdegang und seine verschiedenartigen Erfolge zu diskutieren. Da war mal eine Zeit, in der er Schlagertexte schrieb. Um ihm zu beweisen, dass ich mich auskenne, stimme ich an: «D Frau Meier, d Frau Meier hät gääli Underhose aa…» Der Schriftsteller grinst nur und unterbricht: «Gerade der ist nicht von mir.» Ein anderer grosser Volksmusikhit stamme aus seiner Feder: «Losed Si Frau Küenzi, es bitzli gwaggle müend Si!» Ich gebe mich geschlagen.

Später schrieb er Dialoge für die TV-Rubrik «s Chiflers» mit Walter Andreas Müller und Ursula Schäppi und sorgte mit den Drehbüchern für die Sitcom «Fascht e Familie» für Spitzeneinschaltquoten.

Und nun mischt Lewinsky in einer anderen Branche wiederum ganz vorne mit. Sein Buch, das die Geschichte einer jüdischen Familie in der Schweiz erzählt, steht seit längerer Zeit in allen Bestsellerlisten. Zudem wird «Melnitz» ein halbes Jahr nach Erscheinen bereits in fünf Sprachen übersetzt.

Eine Seite Text pro Tag


Lewinsky reagiert auf den Erfolg gelassen: «Ich bin zu alt, als dass mir so etwas den Kopf abschrauben würde.» Das Interesse an seinem Werk und an seiner Person schätzt er als kurzlebige Sache ein. Dass er aber einmal John Irving und Dan Brown von den Spitzenplätzen der Bestenlisten verdrängen konnte, «war einfach ein geiles Gefühl». Er freute sich darüber so sehr, dass er sich die Liste einrahmen liess.

Vier Jahre Arbeit hat Lewinsky in den Roman gesteckt. In dieser Zeit lebte er mehrheitlich in seinem Haus in Vereux, während seine Frau Ruth in Zürich die Stellung hielt. Die Einsamkeit sei kein Problem, beteuert der Autor. Er schreibe am besten, wenn er nicht gestört werde. Eine Seite pro Tag schaffe er - wenn alles gut gehe -, um am nächsten Morgen gleich mit Korrekturen anzufangen.

Der 60-Jährige könnte sich jetzt auf den Lorbeeren ausruhen und sich auf seine Pensionierung vorbereiten. Aber er denkt nicht daran, mit der Arbeit aufzuhören. «Den einzigen Luxus, den ich mir leiste, sind ‹arschlochfreie Zonen› um mich herum.» Etwas feiner ausgedrückt: Lewinsky wählt sich seine Partner sorgfältig aus und verzichtet auch mal auf einen Auftrag, wenn ihm jemandes Nase nicht passt.

Nach drei Stunden holen wir den gebratenen Vogel aus dem Ofen und befreien ihn aus seiner Geschenkverpackung. Die süss-scharf-exotische Gewürzmischung riecht verführerisch. Zum Essen gehen wir wieder hinaus auf die Terrasse, diesmal auf die Gartenseite des Hauses. Wir geniessen das vorzügliche Mittagessen und die Aussicht auf Kirschen- und Quittenbäume sowie die vorbeifliessende Saône.


Rezepte


Die bisher im Beobachter erschienenen Artikel von Röbi Koller samt den dazugehörigen Rezepten finden Sie hier.

© Beobachter Ausgabe 17 vom 16. Aug 2006 - Alle Rechte vorbehalten

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