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Kochen mit Chris von Rohr

Hardrocker al dente

Text:
  • Röbi Koller
Ausgabe:
26/03

Spaghetti und Gemüse kocht Chris von Rohr so, dass sie Biss haben. Auch in seinem neuen Buch ist er bissig und spart nicht mit Kritik.

Überraschung Nummer eins: Chris von Rohr ist nicht das, was man von ihm erwartet. Er, der saftig schreibt und blumig redet, dem Kraftausdrücke wie «shit» oder «fuck» locker von den Lippen gehen, ist in Wahrheit ein «gspüüriger» Althippie mit Humor. Überraschung Nummer zwei: Chris von Rohr isst nicht das, was man von ihm erwartet. Der ehemalige Bassist von «Krokus», der erfolgreichsten Schweizer Hardrockband aller Zeiten, gibt zu, dass er auf seinen USA-Tourneen wohl so viele Hamburger verspeist hat, dass er sich für den Rest seines Lebens auf Gemüse und Salat konzentrieren möchte.

Vor wenigen Tagen hat von Rohr sein eigenes Haus in Solothurn bezogen. Die goldenen Schallplatten, von denen er mehr hat als andere Leute Suppenteller, stehen aufgereiht am Boden und warten darauf, aufgehängt zu werden. «Die Trophäensammlung kommt später dran», sagt von Rohr. «Ich wollte mich zuerst auf das Wesentliche konzentrieren, zum Beispiel auf die Küche.» Für das Spaghettigericht, das wir gemeinsam kochen werden, fehlt es an nichts. Den luxuriösen Breitformatofen (von Rohr: «Darin kannst du ein ganzes Schwein braten») werden wir aber noch nicht einweihen.

Der Mann ist voll im Saft. Nicht nur das Zügeln hat ihn gefordert, sondern auch die Fertigstellung seines zweiten Buchs «Bananenflanke». Von Rohr weiss, wie schweisstreibend die Arbeit eines Autors sein kann: «Ich feile so lange an den Details, bis jede Pointe sitzt und swingt. Dagegen ist das Schreiben eines Songs geradezu ein Picknick.»

Udo Jürgens zollt er Respekt


Mit «Hunde, wollt ihr ewig rocken?» hatte sich Chris von Rohr bereits vor Jahren einen Namen als lockerer Erzähler gemacht, der Anekdoten aus dem Alltag des Musikbusiness feilbietet. Diesmal ist es nicht anders – wenn auch nicht für alle gleich lustig. Die Gruppe «Gotthard», für die er als Produzent arbeitete, muss harsche Kritik vom Altmeister einstecken. Die Kerle seien zu selbstgefällig geworden, um sich international durchzusetzen. Von Rohr kann aber auch anders: In anderen Kapiteln erzählt er höchst respektvoll über Stephan Eicher oder Udo Jürgens, mit dem er einmal eine Nacht lang über Gott und die Welt philosophiert habe.

Als hätte ihn die Arbeit am Buch nicht genügend eingedeckt, nahm von Rohr zusätzlich sein erstes Werk als Hörbuch auf. Den Rest seiner knapp bemessenen Zeit schenkt er seiner zweieinhalbjährigen Tochter Nilou. Zwei bis drei Tage pro Woche wohnt sie bei ihrem Vater, der glücklich ist, für die grosse Aufgabe den richtigen Zeitpunkt erwischt zu haben. Als Jungrocker hätte er noch zu viele Flausen im Kopf gehabt, sagt er. Dass das jetzt anders ist, spürt man, wenn Chris von Rohr von Nilou redet – leidenschaftlich und mit glänzenden Augen: «Meine Tochter ist die geilste Produktion, an der ich je beteiligt war. Wenn sie hier ist, bin ich verzaubert.»

Chris von Rohrs Heim strahlt Wärme aus. Man spürt, dass hier einer wohnt, der auf Feeling und Qualität setzt. Grobes Eichenholz in der Küche, herbstbunte Vorhänge, viele Kerzen. Ein Widerspruch zum Image des harten Rockers? Nur scheinbar, denn eine Eigenschaft von Rohrs zeigt sich zu Hause wie im Geschäft: Er weiss, was er will, und zieht seine Ideen durch.

Während wir das Gemüse rüsten und anschliessend köcheln lassen, läuft die neuste CD der Beatles in der Küchenstereoanlage. Sie heisst «Naked» und ist eine Neuauflage des Albums «Let It Be», das anno 1970 vom Produzenten Phil Spector grosszügig mit Streicherarrangements und anderen musikalischen Saucen überzogen wurde. Die entschlackte – eben nackte – Version gefällt Chris von Rohr nicht besonders: «Ich hatte mich während all den Jahren so an die Geigen gewöhnt. Der neue Mix ist schlicht überflüssig.»

Das Showbusiness war schon von jeher der berufliche Tummelplatz von Chris von Rohr. Darum sagte er, ohne zu zögern, zu, als ihm das Schweizer Fernsehen die Rolle als Jurymitglied für die Produktion «Musicstar» anbot. Dass Freunde zunächst ablehnend auf sein Engagement bei der Casting-Show reagierten (Original-SMS-Text: «Ein leichtes Befremden macht sich breit!»), verwundert ihn nicht: «Die Show hat so einen schlechten Ruf, dass es mich geradezu reizte, mitzumachen.»

Von Rohr unterscheidet sich von seinem deutschen Kollegen Dieter Bohlen dadurch, dass er den auftretenden Künstlern – bei aller Kritik – grundsätzlich respektvoll begegnet. «Da hinzustehen und zu singen braucht nicht nur Mut, sondern auch konsequentes Training.»

Die Tochter wählte den Känguru-Wein


Ob die Spaghetti al dente sind, prüft Chris von Rohr mit der altbewährten Wurfmethode. Schmeisst man eine Nudel gegen einen Spiegel und bleibt sie dort kleben, kann man servieren. Zu trinken gibts heute einen australischen Shiraz, der von Nilou ausgesucht worden sei. Ja Himmel, gibt denn der Rocker seiner Kleinen tatsächlich schon Alkohol? «Nein, aber beim Einkaufen zeigte sie auf die Flasche mit dem Känguru auf der Etikette. Ich nahm sie und entdeckte einen neuen Wein.»

Zum Dessert gibt sich Chris von Rohr – sonst eher ein Geniesser und Verschwender – sparsam: Er serviert uns eine Packung furztrockener Militärbiscuits und versichert, er liebe halt ihren «Sound». Sein Schmunzeln verrät, dass ihm die Rolle des Provokateurs Spass macht.

© Beobachter Ausgabe 26 vom 24. Dez 2003 - Alle Rechte vorbehalten

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