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Kochen mit Franz Hohler

Ein Risotto wie im Buche

Text:
  • Röbi Koller
Bild:
  • Sabina Bobst
Ausgabe:
20/04

Franz Hohler kocht, wie er schreibt: lustvoll und präzis. So präzis, dass er in der Küche gar den Taschenrechner einsetzt.

Sie würden sie wiedererkennen, Franz Hohlers Welt, ohne Zweifel. Wenn Sie seine Bücher gelesen haben, würden Sie sich an die Beschreibungen des Zürcher Stadtteils Oerlikon erinnern, an das Jugendstilhaus mit dem verwunschenen Garten und den grossen Bäumen. In seinem neusten Buch «Die Torte» schreibt er, dass der Mann und seine Frau, die dort wohnten, beschlossen hätten, den Garten «seinem eigenen Wachstum anzuvertrauen, was in der Sprache der Ordnungsliebenden hiess: sie liessen ihn verwildern».

Der Mann in dieser Erzählung hat eine gewisse Ähnlichkeit mit Franz Hohler, ohne jedoch mit ihm identisch zu sein. Die Geschichte folgt im Übrigen nicht ihm, sondern der Reise der Mönchsgrasmücke, eines Zugvogels, in den Süden und zurück bis – fast! – nach Hause.

Jardinière, nicht macédoine


Heute ist Franz Hohler leibhaftig hier, und wir haben vor, gemeinsam ein Mittagessen zu kochen. Er schlägt ein Menü für drei Personen vor, muss also die Mengen durch vier teilen und mit drei multiplizieren. Hohler, der es gern präzis hat, nimmt dafür den Taschenrechner zu Hilfe.

In der Zwischenzeit rüste ich einen Kürbis. Über mein erstes Angebot – eiswürfelgrosse Stücke – ist Hohler nicht glücklich. Die Kürbisteile würden nämlich hinterher nicht gemixt, sondern unter den Risotto gemischt. Ich fahre also auf die mundgerechte Grösse von Speckwürfeli herunter. Oder in der Sprache der Küchenprofis: Ich schneide jardinière statt macédoine. In Franz Hohlers Büchern und Bühnennummern ist ein Thema seit den siebziger Jahren konstant präsent: die Ökologie. Kritiker bezeichneten ihn dafür schon mal als lehrerhaft und missionarisch. Dass Bioprodukte aber unterdessen so populär geworden sind, gibt ihm Recht, und das freut ihn: «Früher musstest du den sandalentragenden Freaks ins Reformhaus nachlaufen, um in einer Ecke eine kleine Auswahl an verschrumpelten Äpfeln vorzufinden. Heute haben unsere beiden Grossverteiler attraktive Stände voller biologisch erzeugter Früchte und Gemüse.»

Wenn es um die Umwelt geht, ist Hohler im Alltag konsequent bis ins Detail. Er nutzt öffentliche Verkehrsmittel, trennt Abfall, unterhält einen Komposthaufen, recycelt Papier als Notizzettel, macht aus eigenen Holunderblüten Sirup oder verarbeitet Früchte zu Kompott. Mit einem Schmunzeln weist er darauf hin, dass er sogar die Restwärme der Herdplatte nutze, um die Pfanne nach dem Kochen mit dem aufgeheizten Wasser abzuwaschen.

Daher ist es nur logisch, dass sich Hohler für Portobellopilze aus Italien als Risottobeilage entschieden hat und nicht für Steinpilze. Diese würden aus Bulgarien importiert, und das sei ihm zu weit weg.

Franz Hohler zu Hause anzutreffen ist nicht selbstverständlich. Oft führen ihn seine Lesereisen quer durch den deutschsprachigen Raum. Bis Ende Jahr wird er zwischen Bad Hersfeld, Seewen und Berlin unterwegs sein. Dazu kommen Anfragen aus Übersee: New York, Boston, Chicago stehen im November auf dem Programm, wo er vor Germanisten auftreten wird.

Franz Hohler könnte pausenlos in der Welt herumjetten, wenn er wollte. Aber das behagt ihm nicht: «Früher hätte ich mich wohl darüber gefreut», sagt er, «heute lehne ich vieles ab. Was zur absurden Situation führt, dass man mich bereits für das Jahr 2006 zu gewinnen versucht.»

Es ist zwanzig nach zwölf, und Hohler schaltet hastig das Radio ein – zu spät, wie er sagt. Warum denn, die Nachrichten kommen doch erst um 12.30 Uhr? «Mich interessiert vor allem das Wetter, und das haben wir gerade verpasst.» Der Grund: Er habe fast wöchentlich eine Veranstaltung im Freien auf dem Programm. Nach seinem 60. Geburtstag im März 2003 unternahm er ein Jahr lang jede Woche eine Wanderung. Daraus sind 52 Ausflüge geworden, die er in ebenso vielen Geschichten festgehalten hat. Das Buch dazu wird nächsten Frühling erscheinen. Franz Hohler, der Autor im Grünen.

Verpasster Fussmarsch zum Stadtrand


Zudem sei er in der Familie bekannt als Picknickspezialist, sagt er nicht ohne Stolz. Zu gerne hätte er uns an diesem Tag an einen geheimnisvollen Ort in der Nähe von Zürich geführt, weg von der Hektik der Stadt und trotzdem leicht erreichbar mit dem Tram und einem kleinen Fussmarsch. Dort hätte er uns gekochte Eier mit einer kleinen Senftube oder mit Salzbeutelchen vom Flugzeugtablett serviert oder Cherrytomaten und Trauben in einer kleinen PET-Dose, Holundersirup mit Zitrone und Bouillon mit Kräutern vom Wegrand auf dem Miniaturkocher. Eine Kostprobe davon gibt uns Hohler beim Aperitif. Er tischt Brote mit Cantadou auf, Radieschen und Scheiben von Salami aus dem Fleisch eines jungen Ebers. Diesen hat er von der Vereinigung Kagfreiland als Dank dafür erhalten, dass er mit seinem Namen gegen die Kastrierung junger Schweine protestierte.

Später, beim herbstfarbenen Kürbis-Pilz-Risotto, erzählt uns Hohler eine seiner absurden Alltagsgeschichten, denen wir in seinen Texten immer wieder begegnen. Er habe einmal beim Einkaufen im Coop von einem Rabatt profitieren wollen, der ab einer Summe von 100 Franken angepriesen wurde. Da sein Total knapp darunter lag, musste er einen zusätzlichen Artikel kaufen. Er entschied sich – weil sie in der Nähe der Kasse im Gestell lagen – für ein Paar grüne Öko-Unterhosen. Sie erinnern ihn bis heute an das Sonderangebot, das ihm fast durch die Lappen gegangen wäre.

© Beobachter Ausgabe 20 vom 30. Sep 2004 - Alle Rechte vorbehalten

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