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Kochen mit Hanspeter Thür

Grüne Nudeln mit Biss

Text:
  • Röbi Koller
Ausgabe:
16/04

Wenn der Schweizer Datenschutzbeauftragte zu Hause in Aarau am Herd steht, ist sein Berner Büro weit weg – und doch nicht ganz vergessen.

Der oberste Schweizer Datenschützer lebt am Stadtrand von Aarau im ehemaligen Haus eines Bally-Direktors, einer hundertjährigen Villa, die heute Platz für drei Wohnungen bietet. Vor Thürs Tür steht kein Auto, sondern ein Velo. Der ehemalige Präsident der grünen Partei bewegt sich vornehmlich mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder mit Muskelkraft. Heute kommt er nach einer Sitzung in Bern für unser Treffen nach Hause und lässt es sich trotz der knappen Zeit nicht nehmen, eine warme Mahlzeit aufzutischen.

Es liegen bereit: ein Bund Basilikum, ein Beutel Pinienkerne, Knoblauch und das nötige Werkzeug – Messer und Rüstbretter. Hanspeter Thür macht kein Aufhebens wegen der Kocherei. Mit grosser Selbstverständlichkeit packt er an und erzählt dazu aus seinem Leben, das sich in mehreren Fachbereichen und an verschiedenen Orten abspielt.

Zurzeit ist Hanspeter Thür vor allem wegen seiner Tätigkeit als eidgenössischer Datenschutzbeauftragter im Gespräch. Er sorgt dafür, dass man Informationen, die über Menschen gesammelt und gespeichert werden, nicht unkontrolliert weitergeben, geschweige denn missbrauchen darf, was angesichts der rasanten Entwicklung im Bereich der elektronischen Datenverarbeitung ein fast unmögliches Unterfangen ist. Thür beschreibt seine Aufgabe so: «Ich habe einen Beobachter- und Horchposten und pendle hin und her zwischen Alarmismus und gesunder Skepsis.»

In der Küche kann er sich von seinem Beruf lösen. Das Gespräch dreht sich zunächst um die Balkonkräuter, die in ein paar Töpfen draussen spriessen. «Die sind mir sehr wichtig. Das ist aber das Äusserste, was ich an Gartenarbeit leisten kann: Morgens halte ich in der linken Hand die Teetasse und giesse mit der rechten Hand Peterli und Schnittlauch.»

Kuttel-Liebhaber helfen sich selbst


Hanspeter Thür hat bereits als Bub kochen gelernt. Wenn die Eltern sonntags zur Kirche gingen und anschliessend auf einen Spaziergang, mussten er und sein Bruder das Essen vorbereiten. «Um 11.30 Uhr, wenn sie zurückkamen, stand dann zum Beispiel ein Poulet auf dem Tisch, mit selbst gemachten Pommes frites.» Fleisch gab es nur selten bei Thürs, die sich fast ausschliesslich aus dem Garten und von Grossvaters Acker ernährten.

Auch heute isst Hanspeter Thür wenig Fleisch. Neben sportlichen Aktivitäten wie Langlauf, Joggen, Segeln oder Radfahren hält er sich via Ernährung fit: Früchte zum Mittagessen, selten Salat oder Gemüse. Keine Naschereien zwischendurch. Dafür verzichte er höchst ungern auf ein Bier am Feierabend, gesteht er.

Auf dem Küchentisch liegt ein Kochbuch von Marianne Kaltenbach. Ob Hanspeter Thür das heutige Rezept darin gefunden hat? «Nein», sagt er, «ich koche meist nach Gefühl. Manchmal suche ich aber eine zusätzliche Idee zu einem Menü.» Wenn es um handwerkliche Grundsatzfragen geht, hat er ein Standardwerk zur Hand, das ihm sein Bruder, gelernter Koch und Gastwirt, geschenkt hat: das «Lehrbuch der Küche» von Eugen Pauli.

Wenn Hanspeter Thür übers Essen redet, spüre ich ein Interesse sowohl an Zubereitungsarten wie an den Grundprodukten. Dass er einem Zirkel von Kuttel-Liebhabern angehört, erstaunt mich trotzdem. Die Eingeweide, die auf praktisch jeder Was-ich-niemals-essen-würde-Liste stehen, werden heute so selten gekocht, dass sie im Laden kaum erhältlich sind.

Thür und seine Freunde veranstalten seit mehreren Jahren alle drei Monate einen Kuttel-Event – und es sei noch nie vorgekommen, dass sich ein Rezept wiederholt habe. Der Klub sei ursprünglich eine Männer-Selbsthilfegruppe gewesen, gegründet von frustrierten Kuttel-Liebhabern, die zu Hause auf ihre Leibspeise verzichten mussten. Doch heute komme es vor, dass der eine oder andere Resten für seine Frau mit nach Hause nehme.

Mit Rabattkarten nichts am Hut


Thürs Familienverhältnisse sind nicht mit einem Wort zu umschreiben. Er lebt seit drei Jahren von seiner Frau getrennt, hat aber seit zwei Jahren eine neue Partnerin. Die Hausarbeiten erledigt er weitgehend selber. Unvermittelt kommt er ins Schwärmen über seinen neuen Dampfbügelapparat: «Der macht so scharfe Bügelfalten, dass man Brot damit schneiden könnte!»

Hanspeter Thür offeriert uns einen Schluck Rotwein. Er trinke sonst nie Alkohol zum Mittagessen, aber zu diesen feinen Spaghetti gehe es fast nicht anders. Wie lässt sich das mit der Arbeit am Nachmittag vereinbaren? Thür nimmts gelassen: «Ich bleibe heute in Aarau in meinem Anwaltsbüro, um eine Staatsrechtsbeschwerde zu formulieren. Die zündende Idee wird bestimmt kommen.»

Wie hält es der Datenschützer mit den berühmten Rabattkarten der Grossverteiler, mit denen die Konsumenten sehr viele Daten über ihr Konsumverhalten preisgeben? Auf der Anrichte liegt eine davon, Thür wedelt damit herum: «Die ist längst nicht mehr gültig. Anfänglich hatte ich mich durch ein verlockendes Weinangebot ködern lassen. Als aber weitere ähnliche Angebote ausblieben, interessierte mich die Karte nicht mehr.»

Beim Essen fällt mein Blick auf das Poster mit Max Frischs berühmtem Fragebogen aus dem Jahre 1966. Auf die Frage Nummer 6 («Möchten Sie das absolute Gedächtnis?») antwortet Hanspeter Thür mit einem klaren Nein: «Das würde kein Mensch aushalten, wenn er alles speichern müsste. Zudem ist das Vergessen der beste Datenschutz.»

© Beobachter Ausgabe 16 vom 05. Aug 2004 - Alle Rechte vorbehalten

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