Kommunikation
Wiedersehen im Internet
Preiswerte Webkameras und leicht zu bedienende Programme machen jeden Computer mit schnellem Online-Anschluss zum Bildtelefon.

(Bild: Agentur Gettyimages)
Nebenartikel
Artikel zum Thema
Wenn die Niedergösgerin Heidi Manger, 37, ihrer Freundin Ruth Schurter die neue Frisur zeigen will, setzt sie sich an den Computer. Ein Programm zeigt ihr, ob Ruth in San Francisco gerade im Internet surft. Mit einem Mausklick kann sie eine Videoverbindung herstellen und vor der kleinen Kamera auf ihrem Bildschirm die neue Haarpracht vorführen.
Von solchen virtuellen Besuchen konnten geografisch getrennte Freunde bis vor wenigen Jahren nur träumen. Wer in Kontakt bleiben wollte, musste häufig gigantische Telefonrechnungen in Kauf nehmen. Erst die Instant-Messaging-Programme (IM) brachten Mitte der neunziger Jahre Abhilfe.
Im Unterschied zur E-Mail zeigen IM-Programme an, welche Freunde sich zur gleichen Zeit im Internet tummeln und ob sie gesprächsbereit sind. Per Tastendruck lässt sich darauf zwischen den Computern zweier IM-Bekannter eine Verbindung durchs Internet herstellen. Über dieses «virtuelle Kabel» werden Textnachrichten ohne Umweg über ein Postfach (wie bei E-Mail) direkt auf dem Bildschirm des Gegenübers dargestellt.
Damit das funktioniert, müssen beide Teilnehmer ein kleines Programm auf ihren Rechner laden und sich ein Konto mit Online-Namen und Passwort einrichten. Dies geht am besten auf der Website eines der zahlreichen Anbieter der meist kostenlosen Systeme.
Im Zeitalter der schnellen, permanenten Internetanschlüsse via ADSL oder TV-Kabel hat sich dieses Sofort-Mitteilungssystem viel weiter entwickelt. Heute können Anwender von IM-Diensten wie MSN-Messenger über jede Distanz hinweg gemeinsam die Bilder ab Digitalkamera begutachten, als Gruppe am gleichen Dokument arbeiten oder sogar andere Rechner ferngesteuert betätigen.
Die Qualität lässt zu wünschen übrig
Die Kommunikation hat sich inzwischen – Mikrofon und Lautsprecher vorausgesetzt – von der getippten Textnachricht in ein kostenloses Internettelefonat gewandelt. Und wer eine Webcam besitzt, eine kleine Videokamera am PC, kann gar von Angesicht zu Angesicht plaudern wie Heidi mit ihrer Freundin Ruth in San Francisco.
Natürlich ist bei diesem Bildtelefon zum Nulltarif keine Spitzenqualität zu erwarten. Ruth sieht Heidis neue Frisur lediglich in einem handflächengrossen Fenster. Wenn beide gleichzeitig reden oder sich heftig bewegen, kann die Übertragung ins Stocken geraten. Trotzdem ist das Resultat verblüffend.
Weil immer mehr PCs mit einer Kamera ausgerüstet sind, kommen zunehmend auch Programme auf den Markt, die statt der ganzen IM-Funktionalität nur die Bildtelefonie unterstützen, dafür aber gegen eine kleine Gebühr massiv verbesserte Bild- und Tonqualität bieten.
Den Anfang hat im Herbst der Schweizer Computerzubehör-Hersteller Logitech gemacht. Dessen «VideoCall»-Software weist zwar weniger Funktionen auf als die kostenlosen IM-Dienste wie Yahoo-Messenger, MSN-Messenger oder Apples iChat. Für einige Franken pauschale Monatsgebühr kann man dafür dem Angerufenen in weit besserer Qualität in die Augen sehen. Der muss allerdings natürlich auch Abonnent des kostenpflichtigen Dienstes sein.
Darin liegt die Krux aller verfügbaren IM-Dienste. Obwohl sie die gleiche Technik benutzen, funktionieren sie meist nur mit ihresgleichen. Wenn Onkel Eduard in Australien den Yahoo-Messenger benutzt, bleibt er auf Tante Rosalies MSN-Messenger in Zürich unsichtbar.
Neben den kostenlosen und weit verbreiteten IM-Programmen von Apple, Yahoo und Microsoft (MSN) und der extrem einfach zu bedienenden Software von Logitech gibt es zwar weitere, teils kostenlose Videotelefonie-Programme. Sie sind jedoch allesamt für Laien nicht zu empfehlen. Entweder sind sie schwierig zu konfigurieren, oder sie lassen Anrufe aus aller Welt statt nur von registrierten Freunden zu. Das ist unangenehm, weil viele Erwachsene rund um den Erdball offenbar in erster Linie Gefallen an spontanen, sexuell orientierten Videokontakten finden.
© Beobachter Ausgabe 7 vom 31. Mär 2005 - Alle Rechte vorbehalten








