Marco Solari: Risotto gut in Szene gesetzt
Der Präsident des Filmfestivals von Locarno übernimmt erstmals anstelle seiner Frau die Hauptrolle am Herd – und die Premiere ist ein Erfolg.

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Der erste Blick auf die «Villa Fratelli Solari» in Figino, zirka zehn Minuten von Lugano entfernt, raubt dem Besucher aus der Deutschschweiz den Atem. Vom schmiedeeisernen Tor führt ein palmengesäumter Kiesweg zum mächtigen Anliegen direkt am See. So herrschaftlich lebt also der Präsident des weltberühmten Filmfestivals von Locarno, das dieses Jahr vom 6. bis 16. August zum 56. Mal stattfindet.
Das luxuriöse Ambiente täuscht jedoch über die wahren Besitzverhältnisse hinweg. Marco Solari und seine Frau teilen das Haus, das der Ururgrossvater vor 160 Jahren gebaut hat, mit zwei Cousinen und deren Familien sowie mit Solaris Vater.
Wir setzen uns zur Lagebesprechung unter die riesige Platane. Michela Solari wird ihren Mann beim Kochen begleiten wenn nicht mit Taten, so doch mit Worten. «Es ist das erste Mal, dass ich ihm die Küche überlassen muss und ich fühle mich überhaupt nicht wohl dabei», sagt sie. Marco Solari sichert sich denn auch von Anfang an ab: «Ich kann für nichts garantieren, ausser für den Wein.»
«Ich kann Dir nicht zuschauen»
Nach Engagements bei Migros, Ringier und als Delegierter der 700-Jahr-Feiern der Eidgenossenschaft arbeitet Solari seit zwei Jahren wieder in seiner Heimat, wo er vor Jahren auch schon mal als Tourismusdirektor amtierte.
Locarno hat dem Festival viel zu verdanken. Laut Solari fliessen zwei Drittel jedes Umsatzfrankens direkt in die Region zurück. Zudem geben die rund 190000 Zuschauerinnen und Zuschauer einiges Geld für Unterkunft, Verpflegung und Freizeit aus. «Unser erstes Ziel ist aber nicht, Geld zu verdienen», sagt Solari, «sondern gute Filme zu zeigen. Dafür bürgt Irene Bignardi als Direktorin des Festivals.»
In der Küche ist bereits alles für das Menü gerüstet: ein perfektes Mis-en-place. Marco Solari geht konzentriert ans Werk und kommentiert jeden seiner Arbeitsschritte. Ab und zu schaut seine Frau herein, räumt per äxgüsi Geschirr in die Spülmaschine und macht ironische Bemerkungen wie: «Mi sento male vederti qua.» Frei auf Deutsch übersetzt: «Ich kann nicht zuschauen, wie du das machst.» Kaum ist sie wieder draussen, verrät mir Solari, dass er heimlich eine Messerspitze Fleischkonzentrat beifügen werde. Den Trick hat er von seiner Grossmutter.
Ob er es bedaure, dass das Filmfestival in Locarno und nicht im mondäneren Lugano stattfinde, möchte ich von ihm wissen. Die Frage sticht direkt in ein Tessiner Wespennest. Als Giorgio Giudici, der Bürgermeister von Lugano, laut darüber nachdachte, den ganzen Kanton von dieser Veranstaltung profitieren zu lassen, waren die Locarnesi empört. Solari ist denn auch fest davon überzeugt, dass das Filmfestival eine «Einheit von Ort und Zeit» darstellen sollte. «Es soll in Locarno stattfinden und nicht länger als zehn Tage dauern. Kurz und heftig wie ein Feuerwerk.»
Solari schlägt sich tapfer am Herd. Er hat Zwiebeln angebraten, dem Reis Bouillon zugegeben und geduldig gerührt. Wenn ich spüre, dass er den Überblick zu verlieren droht, gehe ich ihm zur Hand, entkorke und koste den Wein, schneide Salami und lerne nebenbei, dass der Gastgeber die Scheiben nicht häutet, denn das tun die Gäste nach alter Tessiner Tradition selber.
Solari sieht sich als Glückspilz, dem sein Beruf immer Spass gemacht habe. Bei der Migros, wo er für Logistik und Informatik verantwortlich war, tat er sich anfänglich schwer mit der knappen Ausdrucksweise seiner Techniker und Ingenieure. «Für sie ist es sonnenklar: Wenn A gleich B und B gleich C ist, dann ist A gleich C. In Künstlerkreisen dagegen redet man eine völlig andere Sprache und kreist die Themen langsam ein.» Solari, ausgebildeter Sozialwissenschaftler und selber kein Mann der knappen Worte, fühlt sich wohler im Kreis von kreativen Menschen, auch wenn er nach eigenem Bekunden «künstlerisch eine Null» ist.
Notstopp In der heissen Phase
Hat einer, der seinen Beruf mit so viel Leidenschaft ausübt, Zeit fürs Privatleben? Der Diplomat Solari antwortet nur indirekt: «Michela fliegt ab und zu auf die Malediven, wo sie Tauchferien macht. Als Begleitung nimmt sie ihre Mutter mit, so ist das Problem ein bisschen entschärft.» Wenn er aber mal zu Hause ist, schaltet Marco Solari ab und steigt in sein Boot. «Ich fahre oft über die Grenze nach Italien und kaufe beim Bäcker am gegenüberliegenden Ufer Brot ein.»
Marco Solari wird nächstes Jahr 60. Der Blick zurück in seine Jugend lässt Erinnerungen an die Fahrten vom Wohnort Bern zu den Verwandten im Tessin hochkommen. «Wir reisten mit der Bahn und waren oft im Speisewagen. Aber, man glaubt es kaum, dieser steht heute bereits im Verkehrshaus in Luzern. Auch so merkt man, dass man älter wird.»
Der Risotto ist fast al dente und plötzlich gibt Solari auf. Ob aus Unsicherheit oder um seiner Frau einen Gefallen zu tun, bleibt unklar. Die heikelste Phase, wie er sagt, überlasse er Michela. Wir räumen das Feld und warten im Garten. Als sie den fertigen Risotto serviert und ich den Koch rühme, deutet sie an, sie habe zum Schluss noch ihr «segreto» hinzugefügt. Nach hartnäckigem Nachfragen verrät auch sie ihr Geheimnis: «Ich habe den Risotto mit ein bisschen Rahm verfeinert.»
© Beobachter Ausgabe 16 vom 07. Aug 2003 - Alle Rechte vorbehalten








