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Nachlese: Neue Fleischquelle ausgebrütet

Text:
  • Andrea Haefely
Ausgabe:
18/03

Bei normalen Hühnern werden die männlichen Küken ohne viel Federlesens direkt nach dem Schlüpfen getötet – beim Kombihuhn dagegen haben sie eine Zukunft: als Sonntagsbraten.

Weiblein oder Männlein? Diese Frage stellt sich nicht

nur beim balzenden Menschen, sondern auch in der Tierzucht.

Nicht ohne Tragik ist die geschlechtliche Zuordnung in der

Welt der Hühner. Denn dort entscheidet sie über

Sein oder Nichtsein, über Leben oder Tod.

Frei nach dem Motto «Die Guten ins Töpfchen,

die Schlechten ins Kröpfchen» werden die frisch

geschlüpften Küken von kundiger Hand auf ihr Geschlecht

hin untersucht und die dereinst Fleisch und Eier produzierenden

Weibchen von den unnützen Männchen getrennt. Während

Erstere einem zwar ungewissen, aber doch mitunter einige Jahre

dauernden Schicksal zugeführt werden, endet das Leben

der Baby-Güggel bereits – sie werden gemeuchelt

und finden allenfalls als Schlangen- oder Hundefutter ihre

letzte Bestimmung.

Schluss machen mit dem Massentöten soll das Kombihuhn

Silver. Dabei handelt es sich keineswegs, wie der doppeldeutige

Name vermuten liesse, um einen Hermaphroditen. Vielmehr ist

Silver eine Neuzüchtung unter Rückbesinnung auf

die Qualitäten alter Hühnerrassen, wie die Schöpferin

des Kombihuhns, die Kag Freiland, verlauten lässt.

Kombihuhn bedroht Handsexerinnen

Die Züchtung zeichnet sich dadurch aus, dass Silver-Hühner

zwar etwas spärlicher als herkömmliche Eierproduzentinnen,

aber dennoch durchaus tüchtig Eier zu legen wissen. Silver-Hähne

hingegen lohnen die Aufzucht zum Masthähnchen, da sie

ganz passabel Fleisch anzusetzen vermögen.

Der historisch bewanderte Gourmet mag sich an den Kapaun

erinnert fühlen, einen Hühnergesellen, der sich

einst als äusserst saftiger und praller Sonntagsbraten

ausgesprochener Beliebtheit erfreute. Die Zartheit seines

Fleisches verdankte der Kapaun seiner Kastration. Dieses Schicksal,

beeilt sich Kag Freiland zu versichern, ereile die Silver-Hähne

nicht. Kein Wunder – sie werden noch vor der Geschlechtsreife

geschlachtet.

Hört sich alles vernünftig an, hat aber einen

Haken. Sollte das Kombihuhn tatsächlich Schule machen,

wird dadurch eine andere Spezies vom Aussterben bedroht: die

Handsexerin. So heissen die netten Damen, die, wie eingangs

angetönt, ihre zarten Hände zur Geschlechtsbestimmung

der Jungküken einsetzen. Wer diese Profession trotz mässigen

Berufsaussichten erlernen möchte, kann dies etwa im fernen

Japan an der Zen Nippon Chick Sexing Association tun.

© Beobachter Ausgabe 18 vom 05. Sep 2003 - Alle Rechte vorbehalten

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