Nachlese
Akademische Höhenflüge
Brieftauben folgen auf dem Heimweg der Autobahn: Zu diesem Schluss kommen Forscher aus Zürich und Oxford. Nur die Frage, welches Forscherteam schneller war, bleibt ungeklärt.

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Die Ausgangsfrage ist einfach, die Antwort schwierig: Wie orientieren sich Brieftauben, damit sie nach Hause finden? Wählen sie die Luftlinie, oder fliegen sie kreuz und quer? Dieses Rätsel zu knacken ist Ziel einer Hand voll Verhaltensforscher an den Universitäten von Zürich und Oxford (GB). Seit Jahrzehnten heften sie sich den gefiederten Kurieren an die Krallen. Doch was zwischen Start und Landung passiert, blieb bisher verborgen. Die Tiere würden sich, so die gängige These, auf Sonnenstand, Magnetfelder und ihren Geruchssinn verlassen.
Der Zürcher Neurowissenschaftler Hans-Peter Lipp wollte es genauer wissen. Er entwickelte einen nur 24 Gramm schweren Sender, den man der Taube auf den Rücken klemmte. Die Signale machten es möglich, die exakte Route der Tiere per Satellit (GPS) aufzuzeichnen. 200-mal liess Lipp Tests fliegen, bis nach drei Jahren Studien ohne Zweifel feststand: Tauben orientieren sich vor allem an der Autobahn. Artig flogen die Vögel der Strasse entlang und warteten die Ausfahrt ab, bevor sie nach Hause abbogen.
Böse Briefe
Nun ist jede wissenschaftliche Erkenntnis Makulatur, wenn sie nicht in einem Fachblatt erscheint. Lipp wandte sich ans renommierte «Nature». Zur Enttäuschung des Forschers lehnte dieses die Veröffentlichung des Artikels ab. Wenig später verkündete einer von Lipps Kollegen, Professor Tim Guilford, Zoologe zu Oxford, den staunenden Zuschauern des britischen Fernsehsenders BBC, sein Team habe herausgefunden, Brieftauben würden nach der Autobahn navigieren. Sofort hegte man in Zürich den Verdacht, da schmücke sich einer mit fremden Federn: Guilford habe den abgelehnten Artikel Lipps gelesen und für die eigenen Studien verwendet.
Dem «Nestbeschmutzer» in England schickten die Zürcher erboste Briefe – gebracht hat es nichts. Die Engländer sagen, sie hätten auf eigene Faust geforscht – die Zürcher glauben das Gegenteil. «Es bleiben viele Fragen offen», sagt Kurt Reimann, Generalsekretär der Uni Zürich, «wir warten auf eine klärende Stellungnahme aus Oxford.»
Bis es so weit ist, könnte die «Taubenaffäre» eine neue Fragestellung für die Verhaltensforschung abgeben: Wie gehen Forscher miteinander um, und wie steht es um die akademische Ethik? Und bleibt die Taube nicht besser in Schweizer Hand, als dass man Forschungsresultate an die Engländer verpfeift?
© Beobachter Ausgabe 22 vom 28. Okt 2004 - Alle Rechte vorbehalten








