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Nachlese

Bildersturm in Winterthur

Text:
  • Elisabetta Antonelli
Ausgabe:
20/04

Winterthurer Gymnasiasten wehrten sich erfolgreich gegen nackte Turner in ihrer Mensa. Das überlebensgrosse Bild aus der Zeit der geistigen Landesverteidigung wird abgehängt.

Hübsche hüllenlose Burschen tummeln sich auf einem Sportplatz. Stilbrüche zwischen Klassik und Moderne sind gewollt: Statt des Diskus liegt dem jungen Griechen ein Hockeyschläger zu Füssen, einer schiebt ein Fahrrad. So heroisch stellte sich der Maler Karl Otto Hügin (1887–1965) die ideale Welt der Körperertüchtigung vor. Die brachte er für die Landesausstellung 1939 in Beige- und Grautönen auf Spanplatte. Seine Vision war gross: 11,8 mal 4,4 Meter.

Nach der Landi fand das Bild in der Kantonsschule im Lee in Winterthur Platz. Generationen von Winterthurer Gymischülern mussten jeweils beim Mensabesuch den Anblick der 52 Quadratmeter Neoklassizismus ertragen. Denn obs den Schülern passte oder nicht: Die bemalte Fläche, auf der eine Kleinfamilie wohnen könnte, erachtete die Denkmalpflege des Kantons Zürich als erhaltenswert. Versuche, Hügins Vermächtnis loszuwerden, scheiterten. Niemand wusste etwas Neues mit der Wand anzustellen, ein anderer Platz kam für das Werk nicht in Frage. So blieb das Œuvre halt an Ort und Stelle. Jahrzehntelang.

Im Jahr 2000 wurde der Landi-Geist jäh aufgeschreckt. Die Mensa war für die Schülerschaft zu klein geworden, man plante, sie zu vergrössern. Das bedeutete aber keineswegs das Aus für den Griechenschinken, im Gegenteil: Das Umbauprojekt rückte Hügins Werk optisch und architektonisch ins Zentrum. Der Boden sollte dafür abgesenkt und das Essen inskünftig knapp unter dem Bild beziehungsweise den Hintern der Jünglinge durchgereicht werden.

Bei Lehrern und Schülern gabs jetzt kein Halten mehr. Sie demonstrierten lautstark gegen das Projekt. Mit Transparenten verhüllten sie das Objekt des Anstosses und verfassten Protestbriefe. «Bild weg!», hiess der Schlachtruf der Schüler. «Konservierung durch Magazinierung», forderte der hausinterne Kunsthistoriker Gerhard Piniel.

Schiefe Seitenblicke nötig


2006 zügelt das Kunststück in den neuen Erweiterungsbau der Kantonsschule – passend zu den dargestellten Leibesübungen in den Treppenhausvorplatz der neuen Turnhallen.

Die Lage ist nicht so heroisch wie Hügins Darstellung, eher Ausdruck jugendlicher Perspektivenlosigkeit: Bei der Treppe ist zu wenig Raum vorhanden, um das Bild in der Totalen betrachten zu können. Wer es sehen will, muss sich mit schiefen Seitenblicken zufrieden geben.

© Beobachter Ausgabe 20 vom 30. Sep 2004 - Alle Rechte vorbehalten

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