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Nachlese

Ein See verliert an Boden

Text:
  • Matieu Klee
Bild:
  • Prisma
Ausgabe:
18/04

Wissenschaftler haben den Bodensee schrumpfen lassen. Aber nur in Deutschland. Die Schweiz hat die Korrektur bereits zuvor autonom vollzogen.

Wo genau der Fehler lag, ist unklar. Doch dass die berechnete Fläche nicht stimmen konnte, war unbestritten, und so rang sich die internationale Gewässerschutzkommission für den Bodensee zur längst fälligen Korrektur durch: Nicht mehr 571 Quadratkilometer gross ist der See, sondern nur noch 536 Quadratkilometer klein.

Die Gewässerschützer hatten den Bodensee letztmals in den achtziger Jahren vermessen lassen. Vielleicht waren die Vermesser zu tief in die Materie eingetaucht, denn bei der Berechnung der Oberfläche unterlief ihnen ein Fehler. Sie stützten sich nicht auf den durchschnittlichen Wasserstand der letzten 100 Jahre ab, sondern auf einen um 15 Zentimeter zu hohen Pegelstand.

«Als letzter grosser, nicht künstlich regulierter See ist die Flachwasserzone des Bodensees ohnehin in Bewegung», erklärt der Geologe Martin Wessels vom deutschen Institut für Seenforschung. Gerade weil der See nicht künstlich reguliert wird, findet sich eine einzigartige Flora und Fauna: etwa die verschollen geglaubte Riednelke, der Kriechende Sellerie oder das Niedere Veilchen.

Grenzen nie exakt festgelegt


Der Frage, ob ein Rechenfehler daran schuld ist, dass der Bodensee während Jahren überschätzt wurde, geht jetzt das Landesvermessungsamt Baden-Württemberg auf den Grund. Die Aussichten, dass der See wieder Boden gut machen könnte, sind allerdings gering. Mehrere Naturwissenschaftler haben nachgerechnet. Alle kamen zum selben Ergebnis: Der See ist kleiner.

Eine glücklichere Hand hatte das Bundesamt für Statistik in Neuenburg. Es stützte sich nicht auf die Zahlen der Gewässerschutzkommission, sondern bezog seine Daten von der Landestopografie. Deren Angabe weicht kaum vom jetzt korrigierten Wert ab. So bleibt denn auch der Schweizer Anteil am See mit 172,71 Quadratkilometern unverändert. Allerdings steht der Schweizer Seeanteil rechtlich auf sumpfigem Boden: Die Anliegerstaaten haben die Grenzen nie exakt festgelegt.

Mit dem unveränderten Seeanteil bleibt auch die Grösse der Schweiz unangetastet. Gefahr droht dem kleinen Land aber von anderer Seite: Seen sind eigentlich nicht zur Fläche zu zählen. Das verlangt zumindest die Europäische Union bei der Berechnung zahlreicher Kennzahlen. Doch ohne Seen würde die Schweiz unter die magische Marke von 40000 Quadratkilometer fallen. Eine bodenseelose Frechheit.

© Beobachter Ausgabe 18 vom 02. Sep 2004 - Alle Rechte vorbehalten

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