Nachlese
Ein treuer Verräter
Schlechte Neuigkeiten für die Unterwelt: Jetzt petzt der beharrlichste aller Verfolger. Ein Computerprogramm kann Personen anhand ihres Schattenwurfs identifizieren.

(Bild: Jupiterimages)
Mutti hatte recht, verdammt: Jeder Mensch ist einzigartig. Dies oder Ähnliches dürfte allen «News»-Lesern in den Sinn gekommen sein, die etwas auf dem Kerbholz haben. Im Gratisblatt stand zu lesen, dass der Nasa-Wissenschaftler Adrian Stoica ein Computerprogramm entwickelt hat, das aus Schattenbewegungen das Bewegungsprofil eines Menschen rekonstruiert. Und da dieses genauso einzigartig ist wie ein Fingerabdruck, sei es möglich, eine Person anhand ihres Schattens zu identifizieren.
Nach Fingerabdruck, DNA, Stimme und Gesicht verpfeift einen nun auch der Schatten. Bisher hatten Schurken immerhin die Chance, keine Spuren zu hinterlassen. Aber es wird auf Dauer niemandem gelingen, keinen Schatten zu werfen. Man kann ihn weder verbergen noch verhüllen und schon gar nicht abschütteln. Sie ist immer da, die stille Petze.
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Vom Dach, aus der Luft, vom Himmel
Einen ersten Test hat Stoicas Methode bereits bestanden: Der Forscher brachte eine Bewegungskamera im sechsten Stock eines Gebäudes an und nahm die Schattenbewegungen von Passanten auf. Indem die rekonstruierten Bewegungsprofile mit vorhandenen Profilen verglichen wurden, gelang es, einzelne Personen zu identifizieren.
Stoica will nun prüfen, ob die Methode auch aus grosser Höhe einsetzbar ist - sprich aus Hubschrauber, Drohne oder gar Satellit. Daniel Menna, Mediensprecher des Eidgenössischen Datenschutzbeauftragten, kann sich vorstellen, wo das hinführen soll: «Man könnte vielleicht per Satellit in entlegenen Gebieten Terroristen aufspüren.» Bis das machbar sei, dürften aber noch einige Jahre ins Land ziehen. In der Schweiz gebe es zudem weder Bedarf noch Legitimation für eine derart umfassende Überwachung.
Für die polizeilichen Ermittlungen sind Schatten und Bewegungsprofil vorläufig noch bedeutungslos, sagt Martin Sorg, Mediensprecher der Zürcher Kantonspolizei: «Wenn Zeugen mit Verdächtigen konfrontiert werden, stehen die Personen still. Bewegung spielt keine Rolle.» Eine Gegenüberstellung eben. Dass dereinst Übeltäter mit einer Drohne und entsprechender Software aus grosser Höhe identifiziert werden könnten, klingt für Sorg nach Science-Fiction: «Vorläufig haben unsere Dienstwagen noch Räder und nicht Flügel.»
Vielleicht wird die Welt dank der Erfindung ein bisschen sicherer. Ganoven werfen im Schein von Strassenlampen und Leuchtreklamen lange Schatten. Die lichtscheuen Gestalten werden sich deshalb selbst nachts kaum mehr auf die Strasse trauen. Gilt es nur noch, gegen Mittag die Polizeipräsenz zu verstärken. Dann ist der Schatten am kleinsten.
© Beobachter Ausgabe 20 vom 01. Okt 2008 - Alle Rechte vorbehalten
