Nachlese
Gekehrte Welt
Die Einwohner von Wittinsburg sind ganz schön sparsam. Aus Kostengründen kehren sie die Strassen ihres Dorfes selber. Die Behörde sorgt nun vor, dass das auch in Zukunft so bleibt.

(Bild: Nicole Zimmer)
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Auf dem Schorenmattweg in Wittinsburg liegt ein einzelner Zigarettenstummel, gleich nebenan kriecht eine Weinbergschnecke dem Schatten zu. Da und dort reckt sich eine Blume aus dem aufgebrochenen Asphalt. Viel mehr findet sich nicht auf den Strassen des Dorfs im Baselbiet. Ohne Zweifel: Hier herrscht Ordnung.
Und für die sorgen die Wittinsburger selber. Das gute Dutzend Strassen, das die Häuserreihen verbindet, halten die Einwohnerinnen und Einwohner im Alleingang sauber, Stück für Stück. Nur einmal im Jahr erlauben sie sich den Luxus, eine Wischmaschine ins Dorf kommen zu lassen: kurz vor Ostern, um damit den Wintersplitt wegzuräumen. Sonst kehren die Oberbaselbieter mit Überzeugung vor der eigenen Tür: Jeder Hausbesitzer ist seines Strassenstücks Besenmeister.
Vor kurzem freute sich die kleine Gemeinde an der Geburt der Zwillinge Josjua und Josiah. Das Dorf hat nun genau 400 Einwohner und damit vier Hände mehr, die in absehbarer Zeit zum Besen greifen können.
Tiefe Steuern dank Putzdienst
Doch nicht alle Bewohner wissen von ihren Pflichten im Strassendienst. Vor allem Neuzuzüger übersehen mitunter die Wittinsburger Regeln. Deshalb liessen die Verantwortlichen unlängst in den Gemeindenachrichten verlauten: «Der Gemeinderat möchte das Gewohnheitsrecht weiterhin gelten lassen. Damit tragen alle Dorfbewohner dazu bei, Kosten zu sparen.» Vielleicht hat Wittinsburg deshalb einen der tiefsten Steuersätze des Bezirks.
«Unsere Strassen sehen zwar nicht geschleckt aus», sagt der ehemalige Gemeindepräsident Rolf Gysin, «aber dreckig sind sie auch nicht.» Jeder Bewohner pflege seinen eigenen Putzstil: Die einen wischen sauber, als hätten sie eine Zahnbürste benutzt. Andere hat Gysin noch nie mit einem Besen in der Hand gesehen: «Diskussionen oder Streit hats bei uns in dieser Sache aber noch nie gegeben.»
Nur manchmal flammen kleine Neidereien auf – vorweg zwischen den Bewohnern der Oberdorfstrasse und jenen der Unterdorfstrasse. Vor dem Bau der Umfahrung wurde die Oberdorfstrasse jahrelang vom Kanton geputzt. Nun sind die Anstösser der Unterdorfstrasse im Vorteil: Die Durchfahrt wird saniert und ist derzeit eine riesengrosse Baustelle. Bis zum Abschluss der Bauarbeiten sind die Unterdörfler von ihren Besenpflichten befreit. Reglement hin oder her.
© Beobachter Ausgabe 15 vom 22. Jul 2004 - Alle Rechte vorbehalten








