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Nachlese

Hickhack um einen Hickory

Text:
  • Urs von Tobel
Bild:
  • Daniel Rihs
Ausgabe:
9/06

Eine Berner Gemeinde renaturiert ein Flüsschen. Doch ein prächtiger Baum wirft Schatten auf das Naturschutzprojekt.

Die Bauernhäuser mit ihren Walmdächern prägen das idyllische Ortsbild des 800-Seelen-Dorfs Kirchdorf BE. Der Gemüseanbau und die zurückgewonnene Natur am Limpach, der sich durchs neu gepflanzte Ufergehölz windet, machen die Landschaft aus. Die Bauern traten Land für die Natur ab - das sucht seinesgleichen. Im Gegenzug können die Landwirte auf zusammengelegten Flächen ihre Gemüse wirtschaftlicher anpflanzen.

Friede, Freude, Eierkuchen - stünde nicht der schönste Baum der Gegend, ein über 100 Jahre alter und mehr als 30 Meter hoher Schuppenrinden-Hickory, mitten im Gemüsefeld von Peter Luginbühl. Alles wegen der Landumlegung; zuvor hatte der nordamerikanische Walnussbaum seinen Platz an einer Weggabelung und tat keinem Gemüseler etwas zuleid.

Rüebli, Kabis und Zwiebeln gedeihen nicht so recht rund um den Hickory. Und Luginbühls wollen nicht hinnehmen, dass sie sich einen Ertrag von mindestens zwei Aren ans Bein streichen müssen. Der Gemeinderat zeigte deshalb Erbarmen mit dem Gemüsepflanzer und gab grünes Licht für die Fällung des Baums.

«Baubewilligung für die Fällung»


«Sicher nicht», sagte Gerhard Wyss, Präsident des Ortsvereins Kirchdorf. «Der Baum ist geschützt. Man darf ihn nur fällen, wenn er eine Gefahr darstellt oder krank ist. Der Gemeinderat ist nicht befugt, der Fällung eines gesunden Baumes zuzustimmen.» Er erhob Einsprache gegen den Beschluss beim Regierungsstatthalteramt Seftigen.

So monströs der Name des Amts, so sprachlich widersprüchlich dessen Entscheid: Es erteilte eine «Baubewilligung für die Fällung des Hickorys». Es sei zwar schade um den Baum, doch die Landschaft sei durch die Renaturierung wesentlich aufgewertet worden.

Doch der Dorfverein gab nicht auf und zog zwei neuen Trümpfe aus dem Ärmel: Einerseits hatte ein Nachbar das Angebot gemacht, Land abzutauschen - anderseits erklärte sich Fred Wittwer, Architekt und Biobauer in Oberdiessbach, bereit, die Kosten des Ertragsausfalls zu übernehmen. «Dieser prächtige Baum ist es mir wert, eine angemessene Entschädigung zu bezahlen», so Wittwer gegenüber dem Beobachter. Peter Luginbühl kontert: «Mir hat bisher niemand ein solches Angebot gemacht.»

Beide Parteien warten nun darauf, dass die Berner Baudirektion ein salomonisches Urteil fällen wird. Zu ihren Gunsten, versteht sich.

© Beobachter Ausgabe 9 vom 26. Apr 2006 - Alle Rechte vorbehalten

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