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Nachlese

Kleiner Vogel, grosse Wirkung

Text:
  • Ueli Zindel
Bild:
  • Jochen Tack
Ausgabe:
19/06

Eine Ringeltaube schlüpfte in Genf ins Triebwerk einer MD-87. Der Zeitpunkt war ungünstig. Der grössere Vogel war am Starten, seine Schaufeln in voller Aktion.

Genf-Cointrin, 4. Juli, 8.35 Uhr. 25 Sekunden nach dem Take-off er­tönen laute Vibrationsgeräusche in der IB 3480. Die MD-87 ist knapp 150 Meter über Grund. «Wir haben ein Problem mit dem Motor», meldet der Kapitän dem Tower. Acht Minuten später ist die Reise zu Ende - die Maschine steht dort, wo sie gestartet war.

Nachdem die 112 Passagiere dem Flugzeug entstiegen sind, inspiziert das technische Personal sogleich die Triebwerke. Eine Vogelfeder, 20 Zentimeter lang und graublau, ist der einzige Hinweis auf die Ursache der Störung. Offensichtlich war eine Ringeltaube, zirka 500 Gramm schwer, ins Triebwerk des 63-Tonnen-Flugzeugs geraten - und wurde von dessen Schaufeln mit 200 Umdrehungen pro Sekunde auf der ­Stelle zermalmt.

Stare, Reiher, Krähen, Bachstelzen, Mäusebussarde: Die Vogelvielfalt um den Genfer Flughafen ist gross. «Kollisionen sind nicht zu vermeiden», sagt der Mediensprecher. «Weitaus am häufigsten sind Zusammenstösse mit dem Düsentriebwerk. Solche sind auch am gefährlichsten.»

Lärmkanonen und Warnschreie


Über mangelnde Prävention können sich die Piloten nicht beklagen: Zweieinhalb Vollzeitstellen oder 5000 Mannstunden pro Jahr werden dafür verwendet, Vögel wegzuscheuchen, die sich bei einem Flugzeugstart gerade an einem flugtechnisch ungüns­tigen Standort aufhalten. Zahlreiche Pis­to­­len­typen, von sprengstoffkundigen Fachleuten bedient, jagen Knall- und Licht­­petarden wahlweise in die Entfernung von 75, 150 oder 400 Metern. Aus fixen und mobilen Lautsprechern kann eine ganze Palette von synthetischen und echten Warnschreien aktiviert werden. Mit von der Partie ist auch der Tower. Auf des­-sen Signale reagieren mehrere Dutzend Lärmkanonen am Pistenrand.

IB 3480 der Iberia Airlines musste für die Reparatur einige Tage in Genf-Cointrin bleiben. Die Kosten von knapp einer halben Million Franken werden, wie in der Schweiz in solchen Situa­tionen vorgeschrieben, von der Fluggesellschaft übernommen. Vorfälle dieser Grössenordnung ereignen sich in Genf im Schnitt einmal im Jahr – die Präventionskosten belaufen sich auf jährlich 350'000 Franken. Weltweit verursachen Vögel jedes Jahr Flugzeugschäden in ­der Höhe von insgesamt rund zwei Milliarden Franken.

© Beobachter Ausgabe 19 vom 13. Sep 2006 - Alle Rechte vorbehalten

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