Nachlese
Schokogenuss versüsst
Ein neuer Stoff schützt Schokolade vor unappetitlichem Grauschleier und hält sie bis zu zehn Monate frisch – sofern es jemand schafft, sie so lange aufzubewahren.

Die Schokoladologie ist eine heimliche Wissenschaft. Die Liebe zu der Süssigkeit erfordert Mass und Musse; Lust und Laune regeln den Konsum. Genug ist nur im Glücksfall genug.
Auf einer objektiveren Ebene bewegt sich in diesem Zusammenhang Erich J. Windhab. Der Lebensmittel-verfahrenstechniker der ETH Zürich drang tief in die Geheimnisse des Naschwerks vor. Dank seiner Impfung kann die Schokolade jetzt vor Grauschleier bewahrt werden – zumindest für viel längere Zeit, als das bis anhin möglich war. Ob zartbitter, rauchig süss oder herblieblich: Das begehrte Objekt bleibt neuerdings bis zu zehn Monate von dem gräulichen Belag verschont. Laut dem Professor schmeckt die Schokolade dann «noch wie am ersten Tag».
Windhab wandte sich früh den Süssigkeiten zu: «Ich bin schon immer ein Schleckmaul gewesen.» Im Nordschwarzwald «mitten in das Wirtschaftswunder geboren», wollte er als kleiner Junge eigentlich Astronaut werden. Schokolade erlebte er damals vor allem als ein «zugkräftiges Erziehungsmittel. Sie war damals noch rar.»
Schokoladeverbrauch ist gestiegen
Der junge Chemieingenieur wandte sich zunächst Materialien zu, die mit Gaumenfreuden nichts zu tun haben – der Keramik vor allem. Dann aber rückten die Knackigkeit, das Fliessverhalten und die Aromaentstehung jenes Stoffs ins Zentrum, der unsere Hirnströme tanzen lässt. Schokolade entspannt, Schokolade beglückt, Schokolade erregt. Ein Fernziel von Windhab: Die Nascherei soll auch in warmen Breitengraden erst auf der Zunge zergehen – und nicht schon vorher.
Knapp 500 Jahre sind vergangen, seit die Spanier die ersten Kakaosäcke nach Europa schifften. Wenig später schlürfte die adlige Gesellschaft bereits Schokolade. Der Klerus debattierte lange Zeit, ob das Getränk die Fastenregel breche. Derartige Fragen sind aus unseren Köpfen gewichen.
Jedenfalls in der Schweiz. Laut einer Erhebung von Chocosuisse steigerten wir in den letzten drei Jahren unseren Schokoladeverbrauch um 400 Gramm pro Kopf – auf satte 11,14 Kilogramm. Können wir Schweizerinnen und Schweizer, Weltmeister im süssen Verzehr, wirklich je genug bekommen?
Vielleicht helfen uns Erich J. Windhab und die ETH Zürich dabei. Längere Haltbarkeit verlängert auch die Vorfreude. Und die ist allemal grösser als das kurze Glück auf der Zunge. Das wissen Schokoladologen.
© Beobachter Ausgabe 26 vom 24. Dez 2003 - Alle Rechte vorbehalten








