«Waren das noch Zeiten. Als man noch nach Hause gehen musste, wenn man einen wichtigen Anruf erwartete.»
Als man seine Lieblingsserie noch auf VHS aufnahm, statt sie vom Digital-TV-Recording-System auf eine Festplatte bannen zu lassen. Als man sich im Geschäft noch krankmeldete, wenn man eine überflüssige Sitzung nicht mit seiner Anwesenheit beglücken wollte.
Heute ist alles anders: Wir leben schneller, sind mit allem und allen jederzeit verbunden. Überprüfen mit unserem Handy stets das Zeitgeschehen auf den Datenhighways, zeitecht. Alles ist gestern, weil heute schon morgen ist. Oder so.
Selbst Blaumachen ist von gestern. Statt verschämt im Büro anzurufen und die Stimme hustend auf fiebrig zu trimmen, statt sich nicht mal zur Migros um die Ecke zu trauen, weil man erwischt werden könnte, machen wir heute auf wichtig. Denn es gibt die Funktion Täuschungsanruf. Auf einigen modernen Handymodellen. Das Ganze funktioniert so: Man begibt sich in besagte Sitzung, wartet ein wenig. Man lässt das Handy in der Hand- oder Hosentasche, drückt unauffällig einen Knopf, und nur Sekunden später ruft eine unbekannte Nummer an. Mit geschäftigem Blick kann man sich nun getrost aus der Langeweile verabschieden. Schliesslich ist es zum Wohl des Geschäfts, dass man telefoniert. Man ist wer. Oder so.
Vor nicht allzu langer Zeit liessen wir uns noch von Freunden aus ähnlichen Situationen retten. Mit einem zufällig wirkenden Anruf, der schon von langer Hand geplant war.
Zum Beispiel beim Blind Date mit der langweiligen Quasselstrippe, die pausenlos über ihr psychosoziales Befinden redet und nach spätestens fünf Minuten von ihrem – ach so verhassten – Exfreund zu parlieren beginnt: Ein kurzer Check-Anruf des besten Freundes genügt, und man verabschiedet sich zum nächsten Termin.
Zum Beispiel bei der Aussprache mit dem stets nörgelnden Mitarbeiter mit Mundgeruch: kurzes Über-sich-ergehen-Lassen mit angehaltenem Atem. Anruf der Vertrauten aus dem Büro. Nächster Termin.
Doch gab es immer ein Manko: Der Anruf musste minutiös geplant werden. Kam er zu früh, war man noch unschlüssig, ob sich das attraktive Gegenüber zur Quasselstrippe entwickelt. Kam er zu spät, war man vor lauter Atemanhalten schon der Ohnmacht nahe. Kurz: Man war abhängig von Unterstützung und Timing, in der persönlichen Gestaltungsfreiheit der Situation eingeschränkt.
Das ist nun vorbei dank der Funktion Täuschungsanruf.
Dumm nur, dass der Handyhersteller etwas Wichtiges vergessen hat: Ist die Funktion einmal an, lässt sie sich nicht mehr deaktivieren, ausser man lädt die aktuellste Firmware drauf. Doch wer weiss schon, was das ist. Betätigt man also aus Versehen die Taste, klingelt wenig später das Telefon: Beim Lohngespräch mit dem Vorgesetzten wird das Gehalt kaum Thema, weil im entscheidenden Moment das Handy dazwischenfunkt. Im Kino – wenn auf der Leinwand die Spannung am grössten ist – sind plötzlich sämtliche Blicke auf einen gerichtet. Beim Vortrag vor vollen Rängen löst man unfreiwillig Gelächter aus.
Zum Glück kursieren Hilfestellungen auf Internetforen, die dem Fluch für immer ein Ende setzen. «Halten Sie folgende 13 Tasten gleichzeitig gedrückt und schwenken Sie Ihr Handy, stets eine Acht formend, bis der rote Punkt oben links blaugrün blinkt, dann drücken Sie innerhalb einer Sekunde die Rautetaste», heisst es da. Kinderleicht. Oder so.
Schlusspunkt
Das geheime Leben der Handys
«Waren das noch Zeiten. Als man noch nach Hause gehen musste, wenn man einen wichtigen Anruf erwartete.»
Als man seine Lieblingsserie noch auf VHS aufnahm, statt sie vom Digital-TV-Recording-System auf eine Festplatte bannen zu lassen. Als man sich im Geschäft noch krankmeldete, wenn man eine überflüssige Sitzung nicht mit seiner Anwesenheit beglücken wollte.
Heute ist alles anders: Wir leben schneller, sind mit allem und allen jederzeit verbunden. Überprüfen mit unserem Handy stets das Zeitgeschehen auf den Datenhighways, zeitecht. Alles ist gestern, weil heute schon morgen ist. Oder so.
Selbst Blaumachen ist von gestern. Statt verschämt im Büro anzurufen und die Stimme hustend auf fiebrig zu trimmen, statt sich nicht mal zur Migros um die Ecke zu trauen, weil man erwischt werden könnte, machen wir heute auf wichtig. Denn es gibt die Funktion Täuschungsanruf. Auf einigen modernen Handymodellen. Das Ganze funktioniert so: Man begibt sich in besagte Sitzung, wartet ein wenig. Man lässt das Handy in der Hand- oder Hosentasche, drückt unauffällig einen Knopf, und nur Sekunden später ruft eine unbekannte Nummer an. Mit geschäftigem Blick kann man sich nun getrost aus der Langeweile verabschieden. Schliesslich ist es zum Wohl des Geschäfts, dass man telefoniert. Man ist wer. Oder so.
Vor nicht allzu langer Zeit liessen wir uns noch von Freunden aus ähnlichen Situationen retten. Mit einem zufällig wirkenden Anruf, der schon von langer Hand geplant war.
Zum Beispiel beim Blind Date mit der langweiligen Quasselstrippe, die pausenlos über ihr psychosoziales Befinden redet und nach spätestens fünf Minuten von ihrem – ach so verhassten – Exfreund zu parlieren beginnt: Ein kurzer Check-Anruf des besten Freundes genügt, und man verabschiedet sich zum nächsten Termin.
Zum Beispiel bei der Aussprache mit dem stets nörgelnden Mitarbeiter mit Mundgeruch: kurzes Über-sich-ergehen-Lassen mit angehaltenem Atem. Anruf der Vertrauten aus dem Büro. Nächster Termin.
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Nur einen Nachteil hat die Sache
Doch gab es immer ein Manko: Der Anruf musste minutiös geplant werden. Kam er zu früh, war man noch unschlüssig, ob sich das attraktive Gegenüber zur Quasselstrippe entwickelt. Kam er zu spät, war man vor lauter Atemanhalten schon der Ohnmacht nahe. Kurz: Man war abhängig von Unterstützung und Timing, in der persönlichen Gestaltungsfreiheit der Situation eingeschränkt.
Das ist nun vorbei dank der Funktion Täuschungsanruf.
Dumm nur, dass der Handyhersteller etwas Wichtiges vergessen hat: Ist die Funktion einmal an, lässt sie sich nicht mehr deaktivieren, ausser man lädt die aktuellste Firmware drauf. Doch wer weiss schon, was das ist. Betätigt man also aus Versehen die Taste, klingelt wenig später das Telefon: Beim Lohngespräch mit dem Vorgesetzten wird das Gehalt kaum Thema, weil im entscheidenden Moment das Handy dazwischenfunkt. Im Kino – wenn auf der Leinwand die Spannung am grössten ist – sind plötzlich sämtliche Blicke auf einen gerichtet. Beim Vortrag vor vollen Rängen löst man unfreiwillig Gelächter aus.
Zum Glück kursieren Hilfestellungen auf Internetforen, die dem Fluch für immer ein Ende setzen. «Halten Sie folgende 13 Tasten gleichzeitig gedrückt und schwenken Sie Ihr Handy, stets eine Acht formend, bis der rote Punkt oben links blaugrün blinkt, dann drücken Sie innerhalb einer Sekunde die Rautetaste», heisst es da. Kinderleicht. Oder so.
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© Beobachter Ausgabe 14 vom 08. Jul 2010 - Alle Rechte vorbehalten