• Rund um die Uhr gut beraten: Mit HelpOnline finden Sie Antworten zu den wichtigsten Rechtsfragen aus dem Alltag.

    HelpOnline

Schlusspunkt

Das ist die Höhe!

Text:
  • Thomas Angeli
Bild:
  • Luca Schenardi
Ausgabe:
5/08

«Vor der erhofften Aussicht auf Bergspitzen und Alpenfirn stand dort jedoch ein hässliches Ungetüm, das ich nur allzu gut kannte: ein Klettergerüst.»

(Bild: Luca Schenardi)

Bewegung, das wurde mir schon in der Schule eingetrichtert, ist gesund. Die Botschaft ist bei mir angekommen. Ich bewege mich oft und gern, am liebsten bergwärts. Das tat ich vor einiger Zeit in einem mir bis anhin unbekannten Tal. Bei bester Laune kam ich nach zwei Stunden hoch oben in ein kleines Dorf, wo mir allein ein Schulhaus die Aussicht auf die heile Bergwelt verbaute. Also ging ich um die alpine Lehranstalt herum und betrat den kleinen Pausenplatz.

Vor der erhofften Aussicht auf Bergspitzen und Alpenfirn stand dort jedoch ein hässliches Ungetüm, das ich nur allzu gut kannte: ein Klettergerüst.

Anzeige:

Das Hochgefühl des Bergwanderers auf dem Weg näher zum Himmel war auf der Stelle verflogen. Ein Klettergerüst, ausgerechnet! Ein exakt solches Unding, vier Röhren schräg, vier senkrecht nach oben zeigend, stand einst auch auf dem Pausenplatz meines Schulhauses. Wir hassten es, alle. Mit einer Ausnahme: Erich. Er flog mehr den Stangen entlang nach oben, als dass er kletterte. Und während wir Erdverhafteten mit bizarr verrenkten Gliedern bestenfalls irgendwo in der Mitte der Stange hingen, hatte Erich längst die gelbe Markierung zuoberst berührt und war auf dem Weg nach unten. Zur Belohnung musste er jeweils nicht helfen, die Turngeräte wegzuräumen.

Später dann, in der Rekrutenschule, gabs für Erich statt Wegräum-Dispens Ausgang, während ich auf der Wache über die Ungerechtigkeit der Welt im Allgemeinen und der Gravitationskräfte im Besonderen nachdenken konnte.

Solch düstere Erinnerungen wälzend, stieg ich auf meiner Wanderung vom verbauten Pausenplatz zurück ins Tal. Sehe ich seither ein Schulhaus, so erblicke ich überall zuerst diese in Stahl gegossenen Frustrationsförderer. Und nie, gar nie sehe ich ein Kind daran freiwillig hochklettern. Hängt mal eines ächzend an der Stange, so steht mit Garantie ein kurzbehoster, mit Trillerpfeife bewehrter Turnlehrer daneben.

Wenn Pestalozzi das wüsste! Was würde der Pädagoge wohl zu solcher Folter im Namen von Bildung und Volksgesundheit sagen? Das konnte nicht gemeint sein, als er «Bildung mit Kopf, Herz und Hand» propagierte. Wenn der Kopf rot ist, das Herz vor Angst rast und die Hände drei Meter über dem Boden ihren Dienst versagen, ist jeder Lerneffekt dahin.

Es gibt letztlich nur eine Lösung: die Dinger abzubrechen. Generationen von Kletterstangengeplagten könnten mit der Vergangenheit abschliessen, landauf, landab würden die Pausenplätze ästhetisch aufgewertet, und das sportliche Leiden der Schweizer Schülerinnen und Schüler hätte ein Ende.

Auch für Himmelsstürmer Erich würde dabei etwas abfallen. Der studierte nämlich trotz offensichtlicher Begabung nicht Sport, sondern Geologie. Heute beschäftigt er sich mit der Materialbeschaffenheit von Beton. Erich dürfte die freigelegten Fundamente der Klettergerüste untersuchen. Alle. Und gratis.

© Beobachter Ausgabe 5 vom 05. Mär 2008 - Alle Rechte vorbehalten

created by snowflake productions gmbh