Schlusspunkt
Das literarische Lazarett
«Haben Sie je einen Zahnarzt erlebt, der Ihnen, wenn Sie schon mal auf dem Stuhl liegen, gleich noch die Zehennägel feilt?»

(Bild: Luca Schenardi)
Mögen Sie Autorenlesungen, jene Zirkel, bei denen Schriftsteller aus ihren Werken vorlesen? Ich nicht. Besonders eine Lesung sitzt mir noch heute in den Knochen: Der Autor raunte im staubigen Hinterzimmer einer Bibliothek minutenlang in die Buchdeckel, um plötzlich in grelles Singsanggeschrei auszubrechen, das einem einfuhr wie ein Hexenschuss. Dazu rauchte er Gauloises und füllte die Lesepausen mit Hustenanfällen. Da wünscht man sich, der Mensch hinter dem Buch wäre das grosse Mysterium geblieben.
Der Schluss liegt nahe, dass einer, der Bücher schreibt, nicht automatisch die Kunst des Vortragens beherrscht. Warum sollte er auch? Ein Architekt rührt ja auch nicht selber den Mörtel an. Oder haben Sie je einen Zahnarzt erlebt, der Ihnen, wenn Sie schon mal auf dem Stuhl liegen, gleich noch die Zehennägel feilt? Wieso also nötigt man Autoren, etwas zu tun, das gar nicht ihrer Kernkompetenz entspricht? Knallhartes Business, Werbung unterm Literaturmäntelchen. Lesungen steigern die Verkaufszahlen eines Buches - dabei ist es offenbar egal, dass manche Schriftsteller in Buchläden, Kurkliniken oder Mehrzweckhallen wie verlorene Seelen auf den Podien hocken. Hauptsache Publicity.
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Die kleine verkaufstaktische Finte muss aber vorerst unter uns bleiben. Sonst schicken uns Marketingstrategen und Vertriebsleute schon morgen auf Lesereise - und wer schriebe dann, was wir Ihnen vorlesen sollen?
Buchtipp
Patrick Rohr: «Reden wie ein Profi». Selbstsicher auftreten - im Beruf, privat, in der Öffentlichkeit; Beobachter-Buchverlag
© Beobachter Ausgabe 12 vom 11. Jun 2008 - Alle Rechte vorbehalten

