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Schlusspunkt

Das literarische Lazarett

Text:
  • Vera Sohmer
Bild:
  • Luca Schenardi
Ausgabe:
12/08

«Haben Sie je einen Zahnarzt erlebt, der Ihnen, wenn Sie schon mal auf dem Stuhl liegen, gleich noch die Zehennägel feilt?»

(Bild: Luca Schenardi)

Mögen Sie Autorenlesungen, jene Zirkel, bei denen Schriftsteller aus ihren Werken vorlesen? Ich nicht. Besonders eine Lesung sitzt mir noch heute in den Knochen: Der Autor raunte im staubigen Hinterzimmer einer Bibliothek minutenlang in die Buchdeckel, um plötzlich in grelles Singsanggeschrei auszubrechen, das einem einfuhr wie ein Hexenschuss. Dazu rauchte er Gauloises und füllte die Lesepausen mit Hustenanfällen. Da wünscht man sich, der Mensch hinter dem Buch wäre das grosse Mysterium geblieben.

Der Schluss liegt nahe, dass einer, der Bücher schreibt, nicht automatisch die Kunst des Vortragens beherrscht. Warum sollte er auch? Ein Architekt rührt ja auch nicht selber den Mörtel an. Oder haben Sie je einen Zahnarzt erlebt, der Ihnen, wenn Sie schon mal auf dem Stuhl liegen, gleich noch die Zehennägel feilt? Wieso also nötigt man Autoren, etwas zu tun, das gar nicht ihrer Kernkompetenz entspricht? Knallhartes Business, Werbung unterm Literaturmäntelchen. Lesungen steigern die Verkaufszahlen eines Buches - dabei ist es offenbar egal, dass manche Schriftsteller in Buchläden, Kurkliniken oder Mehrzweckhallen wie verlorene Seelen auf den Podien hocken. Hauptsache Publicity.

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Moment!, muss man an dieser Stelle einwenden: Gedrucktes soll unter die Leute, also wird es beworben. Mit allen Mitteln. Und was ist besser für die Leserbindung als der leibhaftige Schriftsteller, der sein Publikum malträtiert, pardon, sich ihm präsentiert? Merkwürdig also, dass man Autorenlesungen nicht längst auch bei anderen Drucksachen anwendet. Denken Sie jetzt auch, was mir gerade durch den Kopf schiesst? Die Beobachter-Lesung, das wärs doch! Wir geben druckfrischen Artikeln Gesicht und Stimme. Ausgewählte Kolleginnen und Kollegen bekommen dafür Sprech- und Schauspielunterricht, damit sie zu den treffenden Worten auch den passenden Ton finden. Oder noch besser: Rent a Redaktor. Haben Sie ein schönes Kaminzimmerchen? Wunderbar. Dort lesen wir aus der aktuellen Ausgabe schaurig gern für Sie. Exklusiv. Und ohne Honorar - wenn Sie uns etwas entgegenkommen. Laden Sie Verwandte und Nachbarn ein, die noch keine Abonnenten sind. Und Ihre Kinder sollten auch dabei sein, die heranwachsende Zielgruppe.

Die kleine verkaufstaktische Finte muss aber vorerst unter uns bleiben. Sonst schicken uns Marketingstrategen und Vertriebsleute schon morgen auf Lesereise - und wer schriebe dann, was wir Ihnen vorlesen sollen?

Buchtipp

Patrick Rohr: «Reden wie ein Profi». Selbstsicher auftreten - im Beruf, privat, in der Öffentlichkeit; Beobachter-Buchverlag

© Beobachter Ausgabe 12 vom 11. Jun 2008 - Alle Rechte vorbehalten

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