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Schlusspunkt

Die Kühlkettenreaktion

Text:
  • Helmut Stalder
Bild:
  • Georg Wagenhuber
Ausgabe:
8/10

«Eva kauert im Keller, hilflos vor der kulinarischen Klimakatastrophe, blickt auf den steigenden Meeresspiegel und denkt an den Welthunger.»

Schlusspunkt: Die Kühlkettenreaktion

Eva hat einen neuen Tiefkühler gekauft, einen Schrank mit dem Sparsamkeitssiegel A++. Wegen des Klimas. Die Verkäuferin beim Grossverteiler verspricht, das Gerät werde vom Lieferanten direkt in den Keller gestellt. Eine halbe Stunde vorher werde sie benachrichtigt. So könne sie «just in time» das Gefriergut aus dem alten Gerät nehmen und ins neue legen. Kein Unterbruch der Kühlkette, das sei wichtig, betont die Verkäuferin, damit die Lebensmittel einwandfrei bleiben.

Freitag, 15 Uhr, der Anruf kommt, und Eva steigt in den Keller. Broccoli, Lauch, Beeren, Fleisch, Fisch, Glace, Schwarzwäldertorte – einen Berg holt sie aus dem Gefrierer, schichtet ihn auf den Tisch und deckt eine Isoliermatte drüber, wegen der Kühlkette.

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Von der Technik kalt erwischt

Dann bringt der Lieferant just in time den neuen Schrank und nimmt den alten gleich mit, das ist inbegriffen. Eva freut sich, probiert die sechs Schubladen, justiert die Füsschen. Doch nein! Das Kabel! Mehrmals durchgeschabt, an einer Stelle glitzert Kupfer! Sie erkennt sofort, welche Katastrophe sich anbahnt: Eisberg voraus, Schaden im Maschinenraum und in anderthalb Stunden Büroschluss. Ihr Blut gefriert, und auf dem Tisch beginnt die Klimaerwärmung.

Eva alarmiert das Verkaufsgeschäft. «Wir sind nicht mehr zuständig, sondern der Reparaturdienst», kommt die Antwort. Dann also Service: 0848undsoweiter. Eva hängt in der Warteschlaufe. Im Broccolibeutel bildet sich Kondenswasser. Irgendwann kommt eine Frau ans Telefon.

Eisige Stimmung am Telefon

«Der gewünschte Artikel hat eine Lieferfrist von sieben Tagen.» – «Hören Sie, ich sitze im Keller, und mein Lauch taut. Jemand muss das Kabel flicken oder das Gerät tauschen, sofort!» – «Wenden Sie sich an den Lieferanten.» – «Wissen Sie was: Ich bringe jetzt den Lauch und alles zu Ihnen. Mein Filet mignon ist Klimaflüchtling. Ich beantrage sieben Tage Asyl in Ihrer Kühlabteilung – aus humanitären Gründen.» – «Rufen Sie den Hersteller an.»

16.15 Uhr, die Butter schwitzt, Eva ebenso. Die Kalbsplätzchen machen schlapp. Heute gibts Erbsen zum Abendessen, fünf Kilo. Minuten tröpfeln dahin.

Jetzt also der Hersteller. «Hallo, die Kühlkette ist im Eimer.» Da sei der Lieferant verantwortlich, heisst es am anderen Ende. Wie merkt man, dass man überschnappt? Eva überlegt Kochrezepte: Egli mit Erdbeeren, Lammrippchen an Vanilleeiscreme, Johannisbeerbohnen. «Mögen Sie Broccoli nach Schwarzwälderart?», fragt sie, als sie die Telefondame des Lieferanten erreicht. Diese ist hilfsbereit, aber leider auch kein Kühltechniker.

16.50 Uhr, es riecht nach Apfelmus al pesto. Eva kauert im Keller, hilflos vor der kulinarischen Klimakatastrophe, blickt auf den steigenden Meeresspiegel und denkt an den Welthunger. Durchbeissen, sagt sie sich und schlürft das vierte Vanillecornet, um es vor dem Klimatod zu bewahren. Sie erwägt, Verkäufer, Hersteller und Lieferant zum Klimagipfel zu rufen und nach dem Verursacherprinzip dranzunehmen.

Der warmherzige Servicemann

17.05 Uhr, die Hersteller-Frau meldet, ein Techniker komme ausnahmsweise noch vorbei. «Sind Sie in der nächsten halben Stunde da?» Idiotische Frage, aber Eva sagt nur müde: «Klar, ich esse noch ein paar Cornets all’arrabbiata.»

Der Techniker trifft ein, besichtigt das Kabel und meint gedehnt: «Ich muss sehen, ob ich so was im Auto habe.» Nach ewigen Minuten kommt er mit einem alten Stück Kabel zurück. Um 17.30 Uhr nuckelt das Gerät am Strom.

Während Eva den Gletschersee aufwischt, wird ihr klar, warum sich das Weltklima erwärmt. Sie träumt von einer Welt, in der sich trotz Arbeitsteilung, Hotlines und Servicecenter noch irgendwer für irgendwas verantwortlich fühlt. Die Hoffnung schmilzt zuletzt.

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