Schlusspunkt
Du sollst nicht schlumpfen
«Mann umgibt sich ja gerne mit jüngeren Frauen. Aber wehe, wenn sie anfangen, sich ihrem Alter entsprechend zu benehmen.»

(Bild: Luca Schenardi)
Es war ihr tatsächlich ernst. «Lass es uns tun», sagte sie und rutschte mit ihrem Stuhl näher an den Tisch. Aus ihren grossen Augen funkelte die schelmische Unschuld von erst 20 Lebensjahren. Ich nippte an meinem Wein; das Glas wog schwer in meiner Hand. Die Last der aufkommenden Schuld. «Ich bin zu alt für so was», dachte ich, und: «Es wäre nicht richtig.» Sie wollte unbedingt. «Lass uns diese Weingläser klauen.» Mann umgibt sich ja gerne mit jüngeren Frauen. Aber wehe, wenn sie anfangen, sich ihrem Alter entsprechend zu benehmen. Wir mussten nach dem Abendessen ein paar Stunden auf den Flug warten und hatten beschlossen, uns die Zeit am Flughafen mit einer weiteren Flasche Bordeaux zu versüssen. Ich hatte den Wein besorgt, aber keine Gläser.
«Hast du noch nie etwas geklaut?» Warum klingt das wie ein Vorwurf? «Gar nie?» Ich erinnerte mich mit Grauen daran, dass ich als Erstklässler im Dorfladen einen Schlumpf eingesteckt hatte und diesen dann auf Geheiss meiner Mutter ins Geschäft zurückbringen musste. «Es ist ein grösseres Verbrechen, guten Rotwein aus der Flasche zu trinken, als diese Gläser mitgehen zu lassen», frotzelte es von der anderen Tischseite.
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Also besann ich mich darauf, weshalb junge Frauen mit älteren Männern ausgehen: Geld spielt keine Rolle. Für fünf Euro Trinkgeld würde uns der Garçon die Gläser sicher überlassen. «Das wirst du nicht tun», sagte sie zornig. Ein Mann kauft sich nicht frei. Den Schlumpf zurückbringen zu müssen war damals eine nachhaltige Erniedrigung, und was mein Visavis gerade machte, ging in eine ähnliche Richtung.
«Sag mir, welche ich klauen soll.» Die Wassergläser sahen stabiler aus. «Geht doch», knurrte sie und hob ihre Tasche auf den Schoss. Am Nebentisch sass ein älterer Herr, der sie mangels eigener Begleitung schon die ganze Zeit ausgiebig beäugte. Sie begann zu trinken und blickte ihm dabei tief in die Augen. Natürlich wandte sich der Greis sofort ab, und schon wanderte das erste Glas in ihre Tasche. Das zweite folgte in gleicher Weise. Eiskalt, das kleine Biest.
Ich bezahlte die Rechnung und legte heimlich fünf Euro Trinkgeld dazu. Als wir davonschlenderten, musterte ich das Etikett auf der Bordeauxflasche und nahm mir vor, in Zukunft besser auf Jahrgänge zu achten. Vor allem bei Frauen.
© Beobachter Ausgabe 23 vom 12. Nov 2008 - Alle Rechte vorbehalten






