Schlusspunkt
Im Prinzip. Absolut. Irgendwie
«In grauen Vorzeiten, als die Menschen wortkarg durchs Leben gingen, teilte man sich kurz und knapp mit. Auf Fragen gab es die Antworten «Ja» oder «Nein» - alles andere war von Übel.»

(Bild: Luca Schenardi)
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Von meinen drei Lieblingswörtern ist mir «irgendwie» das liebste. Wie schön, dass immer mehr Menschen es verwenden. Früher war es ja ganz selten zu hören. In grauen Vorzeiten, als die Menschen wortkarg durchs Leben gingen, teilte man sich kurz und knapp mit. Auf Fragen gab es die Antworten «Ja» oder «Nein» - alles andere war von Übel. Immerhin ist auch die Bibel dieser Meinung.
Daher konnte mein Lieblingswort praktisch nie den Weg aus dem Mund eines damaligen Zeitgenossen finden, denn früher, ja, da hatten die Menschen noch in Stein gemeisselte Ansichten. Da war nichts «irgendwie».
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Das heisst jedoch nicht, dass der moderne Mensch keine Grundsätze mehr hätte. Wurde ich doch gerade Zeuge eines Gesprächs, das mich zu meinem zweitliebsten Wort führt: Eine Frau wollte im Tram von einer anderen wissen, wo sie denn aussteigen müsse, um zum Rathaus zu gelangen. Worauf die Angesprochene erwiderte: «Also im Prinzip müssen Sie bei der nächsten Station raus.» Oder im Büro fragte ich eine Kollegin, ob sie auch einen Ausdruck der Datei möchte. «Im Prinzip kannst du mir ein PDF schicken», so ihre Antwort. Man hört es: klare Antworten von Menschen mit Prinzipien.
Und wer sich nicht nur «im Prinzip» sicher ist, sondern ganz und gar, greift gern auf das schöne Wörtchen «absolut» zurück. Auf die Frage, ob man das Büro heute zwecks Arztbesuch eine Stunde früher verlassen könne, hätte vor 100 Jahren der Chef - ein Sprachneandertaler - mit einem primitiven «Ja» geantwortet. Ein zeitgemässer Vorgesetzter jedoch sagt: «Absolut. Das ist im Prinzip kein Problem.»
Selbsternannte Sprachpäpste mögen nun in Erwägung ziehen, meiner Meinung zu widersprechen, weil sie finden, diese Füllwörter seien die Pest. Doch denen sage ich als moderner Mensch: «Im Prinzip haben Sie irgendwie absolut nicht recht.»
© Beobachter Ausgabe 7 vom 02. Apr 2008 - Alle Rechte vorbehalten

