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Kreisförmige Backwaren
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- 9/10
Pizza-Poesie: Spiel mir das Lied der wohltemperierten Tomate.
Die wahrscheinlich langweiligste Pizza der Welt, die Pizza Napoletana, ist seit kurzem eine «Garantierte Traditionelle Spezialität». Darauf haben sich die EU-Mitgliedstaaten auf Antrag der EU-Kommission geeinigt. Nur gerade fünf Jahre dauerte das Aufnahmeverfahren, nun trägt die Pizza Napoletana das EU-Spezialitäten-Gütesiegel und ist in einer neunseitigen Verordnung exakt definiert: «eine kreisförmige Backware mit variablem Durchmesser von höchstens 35 cm mit erhabenem Teigrand und mit Belag bedecktem Inneren. Das Innere ist 0,4 cm dick, wobei eine Toleranz von +/– 10 Prozent zulässig ist, der Teigrand ist 1–2 cm dick.»
Bei der näheren Beschreibung liess man sich dann ganz offensichtlich vom biblischen Hohelied Salomos inspirieren, wo es heisst: «Einem Karmesinband gleich sind deine Lippen, und dein Plaudermund ist lieblich. Gleich dem Riss im Granatapfel schimmert deine Schläfe. Deine Brüste sind gleich zwei Böcklein, Zwillingen der Gazelle, die auf Lilienauen weiden.» In schönster Beamtenpoesie entsteht so ein Hohelied Pizzaiolos, in dem es heisst:
«Sie ist beim Anfassen und im Biss weich; ihr Inneres hat einen Belag, auf dem das Rot der perfekt mit dem Öl vermischten Tomate und, je nach verwendeten Zutaten, das Grün des Oregano und das Weiss des Knoblauchs ins Auge fallen; ebenso das Weiss der Mozzarella in mehr oder minder dicht beieinanderliegenden Flecken und das durch das Garen mehr oder weniger dunkle Grün der Basilikumblätter.»
Doch dann siegt wieder die Bürokratie über die Poesie. Schliesslich hat die EU einen Ruf zu verlieren – man erinnert sich an die genormte Eurobanane und die Gurke mit vorgeschriebenem Krümmungsgrad. Und so wird die Backtemperatur für jede einzelne Zutat der Pizza festgelegt:
- Erreichte Teigtemperatur: 60–65°C
- Erreichte Temperatur der Tomaten: 75–80°C
- Erreichte Temperatur des Öls: 75–85°C
- Erreichte Temperatur der Mozzarella: 65–70°C
Solch genaue Vorschriften hätte ich mir gewünscht, als ich letzthin in Italien die wahrscheinlich schlechteste Pizza der Welt ass. Doch erst kam mal die Qual der Wahl: Auf der Menükarte gab es die Pizza Domani (das ist die, die immer zu spät kommt), die Pizza Lamborghini (die kommt dagegen sehr schnell), die Pizza Mafia (da taucht dann ein Herr mit speckigem Hut und Lederkrawatte am Tisch auf und sagt: «Tut mir leid, der Lastwagen mit den Zutaten für Ihre Pizza wurde aufgehalten, aber gegen eine kleine Spende könnte ich dafür sorgen, dass er wieder losfährt») und die Pizza Ramazzotti (ziemlich ölig, auf Wunsch mit Zuckerguss). Mit Erstaunen entdeckte ich dann auf der Karte auch eine Pizza Berlusconi und beschloss sofort, dieser eine Chance zu geben. Ich wurde bitter enttäuscht: Die Pizza Berlusconi entpuppte sich als zu klein geraten, völlig aufgeblasen und nicht ganz gebacken. Als ich mich beim Kellner beschwerte, nickte dieser wissend: «Ja, niemand mag die Pizza Berlusconi wirklich. Aber sie wird dennoch immer wieder gewählt.»
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© Beobachter Ausgabe 9 vom 28. Apr 2010 - Alle Rechte vorbehalten
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Die wahrscheinlich langweiligste Pizza der Welt, die Pizza Napoletana, ist seit kurzem eine «Garantierte Traditionelle Spezialität». Darauf haben sich die EU-Mitgliedstaaten auf Antrag der EU-Kommission geeinigt. Nur gerade fünf Jahre dauerte das Aufnahmeverfahren, nun trägt die Pizza Napoletana das EU-Spezialitäten-Gütesiegel und ist in einer neunseitigen Verordnung exakt definiert: «eine kreisförmige Backware mit variablem Durchmesser von höchstens 35 cm mit erhabenem Teigrand und mit Belag bedecktem Inneren. Das Innere ist 0,4 cm dick, wobei eine Toleranz von +/– 10 Prozent zulässig ist, der Teigrand ist 1–2 cm dick.»
Bei der näheren Beschreibung liess man sich dann ganz offensichtlich vom biblischen Hohelied Salomos inspirieren, wo es heisst: «Einem Karmesinband gleich sind deine Lippen, und dein Plaudermund ist lieblich. Gleich dem Riss im Granatapfel schimmert deine Schläfe. Deine Brüste sind gleich zwei Böcklein, Zwillingen der Gazelle, die auf Lilienauen weiden.» In schönster Beamtenpoesie entsteht so ein Hohelied Pizzaiolos, in dem es heisst:
«Sie ist beim Anfassen und im Biss weich; ihr Inneres hat einen Belag, auf dem das Rot der perfekt mit dem Öl vermischten Tomate und, je nach verwendeten Zutaten, das Grün des Oregano und das Weiss des Knoblauchs ins Auge fallen; ebenso das Weiss der Mozzarella in mehr oder minder dicht beieinanderliegenden Flecken und das durch das Garen mehr oder weniger dunkle Grün der Basilikumblätter.»
Die wohltemperierte Tomate
Doch dann siegt wieder die Bürokratie über die Poesie. Schliesslich hat die EU einen Ruf zu verlieren – man erinnert sich an die genormte Eurobanane und die Gurke mit vorgeschriebenem Krümmungsgrad. Und so wird die Backtemperatur für jede einzelne Zutat der Pizza festgelegt:
Solch genaue Vorschriften hätte ich mir gewünscht, als ich letzthin in Italien die wahrscheinlich schlechteste Pizza der Welt ass. Doch erst kam mal die Qual der Wahl: Auf der Menükarte gab es die Pizza Domani (das ist die, die immer zu spät kommt), die Pizza Lamborghini (die kommt dagegen sehr schnell), die Pizza Mafia (da taucht dann ein Herr mit speckigem Hut und Lederkrawatte am Tisch auf und sagt: «Tut mir leid, der Lastwagen mit den Zutaten für Ihre Pizza wurde aufgehalten, aber gegen eine kleine Spende könnte ich dafür sorgen, dass er wieder losfährt») und die Pizza Ramazzotti (ziemlich ölig, auf Wunsch mit Zuckerguss). Mit Erstaunen entdeckte ich dann auf der Karte auch eine Pizza Berlusconi und beschloss sofort, dieser eine Chance zu geben. Ich wurde bitter enttäuscht: Die Pizza Berlusconi entpuppte sich als zu klein geraten, völlig aufgeblasen und nicht ganz gebacken. Als ich mich beim Kellner beschwerte, nickte dieser wissend: «Ja, niemand mag die Pizza Berlusconi wirklich. Aber sie wird dennoch immer wieder gewählt.»
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