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Schlusspunkt

Nummernschild-Bürger

Text:
  • Christoph Schilling
Bild:
  • Hendrik Jonas
Ausgabe:
6/10

Warum Autofahrer lieber Provinzler statt Städter sein wollen.

Bummelt ein Auto mit Kennzeichen BE die Axenstrasse entlang, weiss der einheimische Bergler sofort, über wen er sich ärgern darf: über einen Schleicher aus dem Bärnbiet. Überholt ein frisierter Subaru auf der A1 rechterhand mit dem Kürzel GR, weiss der Überholte sofort, über wen er sich ärgern darf: über einen Raser aus dem Bündnerland.

Das Nummernschild ist quasi Identitätskarte. Damit ist bald Schluss. Künftig darf jeder Automobilist wählen, mit welchem Kantonswappen am Heck er spazieren fahren möchte. Egal, ob er im Kanton wohnt oder nur Urlaub macht. So plant es das Bundesamt für Strassen. Auch wenn ein Basler einfach nur Thurgauer Apfelwein liebt, darf er dies künftig zum Anlass nehmen, mit einem TG am Autohintern herumzukurven.

Beim frisierten Subaru mit dem Bündner Kennzeichen könnte es sich also demnächst auch um einen Glarner auf Tarnfahrt handeln.

Die Behörden haben vor der Einführung mit einer Umfrage sondiert, ob Autofahrer überhaupt ihren Wohnkanton gegen einen andern eintauschen möchten. Und mit welchem Wappen sie sich am liebsten schmücken würden. Das Amt hat kürzlich die Hitliste publiziert.

Das überraschende Ergebnis: Fast kein Zürcher möchte im Auto als Zürcher erkennbar sein. Die Städter bevorzugen ländliche Kennzeichen. Zürich, der strahlende, scheinbar so begehrte Stand, muss eine massive Autonummern-Flucht hinnehmen. Eisige Kälte schlägt dem Kanton der Möchtegern-Hauptstädter entgegen. Zürich ist so was von uncool.

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Plötzlich wollen alle Urner sein

Gross kommt dafür die Provinz heraus. Je provinzieller, desto begehrter. Am häufigsten wünschen sich Automobilisten den Kanton Uri. Ausgerechnet! Während langer Zeit sprachen Reisende diesen Namen nur mit Schauder aus. Galt Uri doch als Ort der schroffen Schründe, die Schöllenen als Eingang zur Hölle – bewacht von kauzigen Sennen, die Milchreis essen, in Holzschuhen und Steigeisen umherjagen. Einsilbige Kerle mit rauem Witz.

Im Jahr 2010 möchten alle Urner sein. Provinz ist Kult. Urner sein ist cool. Zumindest auf der Autonummer.

Das Amt erklärt sich den Pro-Uri-Reflex mit Psychologie: Zwar lebten viele Eidgenossen längst im Mittelland, trauerten aber insgeheim dem Leben in den Bergen ihrer Ahnen nach. Ein etwas kurioser Deutungsversuch für das bizarre Phänomen.

Der Polizeisprecher scheint dagegen mehr dem Realismus verpflichtet, wenn er sagt: Zürcher möchten ganz einfach ihre Herkunft verschleiern, damit ihre Autos in Fremdkantonen nicht mehr demoliert werden.

Sie ahnen es: Die Geschichte ist erfunden, und ich bin ein verdammter Lügner. Obwohl – nur ein klitzekleines bisschen erfunden. Frankreich hat die freie Kennzeichenwahl letztes Jahr tatsächlich eingeführt. Man ersetze Zürich durch Paris, Kanton durch Departement – und die Geschichte ist wasserdicht. Keiner dort will mehr als Hauptstädter erkannt werden. Alle möchten Provinzler sein. Am liebsten knorrige Bretonen.

Heimlifeiss, darf man hier wohl anmerken. Und weil es Hans was Heiri, ob einer Pariser oder Zürcher ist – die Städter ticken ja auf der ganzen Welt gleich –, müssen wir vermuten, dass auch die Zürcher ihre Autonummern am liebsten auf den Müll werfen möchten. Es mag ihnen noch nicht bewusst sein – aber unbewusst, in den Schächten der Seele, da leiden sie sehr an ihrer Urbanität. Deshalb, liebes Bundesamt für Strassen: Führt die freie Kantonswahl auf dem Nummernschild ein, und zwar subito! Den armen Zürchern zuliebe.

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© Beobachter Ausgabe 6 vom 17. Mär 2010 - Alle Rechte vorbehalten

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