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Schöne neue Hässlichkeit
«Ob Antlitz oder Visage, seidener Teint oder Sommersprossen, volle Locken oder dünnes Haar - das Erbgut entscheidet, wer dank seines Aussehens mit Ruhm und Reichtum gesegnet und wer mit lebenslangen Komplexen gestraft wird.»

(Bild: Luca Schenardi)
Ich mag meine Nase. Ihr schlanker Rücken steht mittig im Gesicht, ihre rechte Flanke ziert eine sanft geschwungene Narbe, die auf jugendlichen Wagemut verweist. Manche sagen, sie sei gross; ich halte sie für prominent. Als Ganzes verleiht sie mir Charakter, ein fast griechisches Profil, und macht mich unzweifelhaft zu Vaters Sohn.
In Zeiten von Vaterschaftstests und Massenmedien, die ein uniformes Schönheitsideal propagieren, bleibt allerdings wenig Platz für markante Gesichtszüge. Charakterköpfe sind schnell als hässlich verschrien, Mütter deshalb oft gezwungen, ihren unansehnlichen Nachwuchs mit gutgemeinten Weisheiten durch die Pubertät zu retten. Mit «Wahre Schönheit kommt von innen», zum Beispiel.
Das Tragische an diesem Spruch: Er ist wahr. Ob Antlitz oder Visage, seidener Teint oder Sommersprossen, volle Locken oder dünnes Haar - das Erbgut entscheidet, wer dank seines Aussehens mit Ruhm und Reichtum gesegnet und wer mit lebenslangen Komplexen gestraft wird. Als wäre dies nicht genug, sorgt die Willkür der Natur dafür, dass nicht nur der dümmste Bauer die grössten Kartoffeln, sondern mitunter auch die blödeste Magd die ausgewogensten Proportionen bekommt.
Schönheitschirurgie sei Dank, müssen wir solche Ungerechtigkeiten aber nicht mehr einfach hinnehmen. Wer seinem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten und darüber unglücklich ist, kann sich heutzutage die entsprechenden Stellen aus dem Gesicht schneiden lassen. Gegen Bares verhelfen die Weisskittel dem Unzufriedenen zu allem, was die Natur ihm schuldig geblieben ist. Sie machen den Kugelbauch zur Wespentaille, schmale Lippen zum Schmollmund und besonders hässliche Nasen zu besonders schönen.
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Wir, die wir unser Aussehen ohne chirurgische Intervention ertragen, sollten deshalb in Schönheitskliniken investieren und uns an der tröstlichen Gewissheit ergötzen, dass in Zukunft die schönsten Eltern die hässlichsten Kinder bekommen werden. Und wie gesagt: Ich mag meine Nase.
© Beobachter Ausgabe 14 vom 04. Jul 2007 - Alle Rechte vorbehalten
