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Willkommen im Nager-Paradies
Dann also Meerschweinchen. Die erinnern mich an meine Kindheit. Es sind diese Tiere, die man in einem kleinen Käfig bei der Schuhablage hält und denen man Rüstabfälle verfüttert. Wandelnde Kompostierer quasi.

(Bild: Luca Schenardi)
Meine Schwester hatte welche. Also sind sie sicher auch für meine Töchter gut. Und viel wird sich wegen dieser beiden Nager in meinem Leben nicht verändern, dachte ich.
Denkste!
Meine Frau, die bisher nicht durch besondere Tierliebe aufgefallen war - sie tötete jede Motte, die ich aus ethischer Überzeugung leben lassen wollte -, hatte etwas gegen den kleinen Käfig bei der Schuhablage.
Die Tierschutzverordnung verlangt neu mindestens Paarhaltung. Also musste das Gehege grösser sein. Das leuchtete mir als gesetzestreuem Juristen ein.
Nach stundenlanger Internetrecherche bestellte meine Frau die Meerschweinchen-Villa «Nager-Paradies» - zum Schnäppchenpreis von knapp unter 1000 Franken, von Behinderten gezimmert, vier Stockwerke hoch, mit einer Nettowohnfläche von zwei Quadratmetern. «Willst du etwa, dass die Tiere bei uns leiden?», konterte sie meinen ungläubigen Blick.
Weil es in unserer Vierzimmerwohnung schon so eng ist, dass ich bei jeder neu gekauften CD eine alte wegschmeissen muss, kam die Villa in mein Büro mit Bett - mein Rückzugsort. «Wenn du das Pult ganz an die Wand schiebst, passt das Gehege bestens», sagte meine Frau lächelnd.
Am Samstag darauf holten wir zwei herzige kleine Meerschweinchen. Meine Töchter jauchzten. Die Tiere verkrochen sich. Sie verliessen zwei Wochen lang die kleinen Schachteln nicht, in denen wir sie von der Tierhandlung hergetragen hatten. Nach zwei Monaten konnte man sie auf die Arme nehmen - wenn man sie zehn Minuten lang durchs Gehege gejagt und gegen ihren verzweifelten Widerstand am Hinterteil aus dem Häuschen gezerrt hatte.
Rückzugsmöglichkeiten wurden in unseren vier Wänden zum knappen Gut. Wollte ich mich mal für eine Nacht ins Ausweichbett neben dem Pult zurückziehen, waren die Nager immer schon da. Und wie. Sie scharrten, gurrten, kratzten oder rannten wie wild durch ihre Villa. Und das die ganze Nacht. Ich schlief mit Gehörschutz. Wie in der Rekrutenschule. Unsere Vierzimmerwohnung schrumpfte zu einer Dreizimmerwohnung mit Kleintier-Loft-Annex. Auf dem Balkon lagerten Stroh- und Heuballen. Ein leichter Stallgeruch haftete auch meinem schönsten Hemd noch an.
Und dann lag eines Morgens dieses Salatblatt auf dem Chromstahl der Küchenabdeckung. Ordentlich, wie ich bin, wollte ich es den Meerschweinchen sofort verfüttern. «Neiiiiin!», schrie meine Frau. Das Blatt komme direkt aus dem Kühlschrank. Es müsse zuerst noch temperiert werden. Tierschutz total - Widerstand zwecklos.
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© Beobachter Ausgabe 20 vom 01. Okt 2008 - Alle Rechte vorbehalten


