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Werbespiel: Hennen rennen der Konkurrenz davon

Text:
  • Markus Koch
Ausgabe:
9/01

Was als witziger Werbegag gedacht war, hat mittlerweile Kultstatus: Dem Computerspiel «Moorhuhnjagd» erliegen die Fans reihenweise.

Am Anfang stand der Auftrag zur Entwicklung eines Werbespiels für den schottischen Whiskyhersteller Johnny Walker. Auf originelle Art sollte der grösste Konkurrent in Sachen Hochprozentiges, den man im Land der Dudelsäcke mit den Worten «One Grouse, please» bestellt, zum Abschuss freigegeben werden. «Grouse» bezeichnet aber nicht allein eine Whiskymarke, sondern auch das schottische Moorhuhn. Diese Doppeldeutigkeit machte sich die beauftragte deutsche Computergame-Schmiede Phenomedia zu Nutze und blies das Halali zur «Virtuellen Moorhuhnjagd».

20-millionenfach heruntergeladen

Erfolg lässt sich nicht planen. Und der Siegeszug der «Moorhühner» im gesamten deutschsprachigen Raum schon gar nicht: Innerhalb eines Jahres wurde das kleine Gratisprogramm rund 20 Millionen Mal von den Phenomedia-Servern gesaugt.

Die lawinenartige Verbreitung des Programms veranlasste sogar einige Firmen-Netzwerk-Verantwortliche, «Moorhuhn»-verdächtige Datentransfers zu unterbinden und Wirtschaftsexperten vor Millionenverlusten zu warnen, die entstünden, weil in den Firmen statt gearbeitet stundenlang auf Federvieh geballert werde. Mittlerweile finden in Deutschland, Österreich und in diesen Tagen in der Schweiz bereits nationale «Moorhuhn»-Meisterschaften statt.

Dabei ist die «Moorhuhnjagd» im Vergleich zu kommerziellen Ballerspielen harmlos und altbacken: In einer liebevoll gestalteten, aber eng begrenzten schottischen Hochmoorlandschaft gilt es, innert 90 Sekunden möglichst viele Moorhühner abzuschiessen. Die Whiskywerbung ist dezent, Blut spritzt keins, und die Hühner fallen, auch akustisch, eher wie betäubt als tot vom Himmel, dies aber – zugegebenermassen – auf witzige Weise. Ziel ist es, eine hohe Punktzahl zu erreichen.

Es ist mehr das Drumherum, das die «Virtuelle Moorhuhnjagd» zum Kult werden liess: die geringe Grösse des Programms, die es ermöglicht, das Spiel auch per E-Mail an Kolleginnen und Kollegen weiterzuleiten; die simple Spielidee, die den Jäger und die Wettkämpferin in den Menschen weckt; die kurze, fest vorgegebene Dauer des Spiels, die dazu verleitet, von der Arbeit «mal kurz» für eineinhalb Minuten abzuschalten – und dann noch einmal eineinhalb Minuten und noch einmal und noch einmal. Mit zur Bekanntheit der Hühner haben sicher auch die emotionalen Proteste von Tierschützern beigetragen, die die politisch inkorrekte und amoralische Spielanlage kritisieren.

Jedenfalls hat sich eine grosse Fangemeinde etabliert. Das zeigen nicht nur die nationalen «Moorhuhn»-Meisterschaften, sondern auch die zahllosen Websites zum Thema. Angeboten werden darauf nebst Tipps und Tricks, wie man noch mehr Punkte erreicht, zahlreiche Zusatzprogramme, die Hobbyprogrammierer entwickelt haben. Mit ihnen kann man zum Beispiel aus einem Arsenal die gewünschte Jagdwaffe wählen – von der Schrotflinte übers Maschinengewehr bis zur schweren Artillerie –, andere Töne einspielen, die Grafik mit eigenen Bildern anreichern oder komplett verändern.

Bald soll man die «Moorhühner» sogar auf dem Handy jagen können: Phenomedia hat erst kürzlich mit der Swisscom einen Vertrag über die Entwicklung eines WAP-Spiels abgeschlossen.

Mit der kürzlich veröffentlichten Winteredition des Spiels in Form einer Jagd in tief verschneiter Landschaft mit vielen Bonusrätseln und versteckten Überraschungen hat auch Phenomedia selbst dafür gesorgt, dass sich die «Virtuelle Moorhuhnjagd» vom Werbeträger zum unabhängigen PC-Entertainer, ja zum Vorreiter eines Spielgenres mausert. Denn der Erfolg hat bereits Nachahmer gefunden.

Die Jagd auf die Klone ist eröffnet

Mittlerweile gibt es ein halbes Dutzend und mehr (Werbe-)Programme, die nach dem gleichen einfachen Strickmuster – maximale, aber kurze Unterhaltung bei minimaler Grösse plus Wettkampffieber und etwas Provokation – funktionieren. Man steht in diesen «Moorhuhn»-Klonen lediglich in einer andern Landschaft und streckt nicht Moorhühner, sondern Hasen, Pinguine, Störche, Vampire, Ausserirdische und alles andere nieder, was da so kreucht und fleucht.

Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten. In der Werbung erst recht nicht.

© Beobachter Ausgabe 9 vom 27. Apr 2001 - Alle Rechte vorbehalten

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