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Brandschutz

Lieber wegschauen

Text:
  • Thomas Angeli
Bild:
  • Charly Rappo
Ausgabe:
22/06

Die Mieter in der ehemaligen Fabrik Espace Boxal in Freiburg leben gefährlich. Besitzer und Behörden wissen um die Risiken - und warten ab.

(Bild: Charly Rappo)

Der Aufmarsch der Obrigkeit war eindrücklich: Nicht weniger als 17 Personen trafen sich am 29. April 2005 vor dem Espace Boxal in Freiburg, um «Nutzung der Lokale und Brandschutz» zu inspizieren. Vertreter des Oberamts, der Feuerwehr, der kantonalen Feuerkommission, der Gewerbepolizei, des Inspektorats für elektrische Installationen und zwei bewaffnete Polizisten verliehen der Versammlung die Aura von Tatkraft und Entschlossenheit. An Gründen für den amtlichen Einsatz fehlte es nicht. Im ehemaligen Industriekomplex neben dem Freiburger Bahnhof, wo sich in den vergangenen Jahren unter anderem zahlreiche Künstler, Architekten, Bäcker, Wirte, eine Disco, eine Freikirche sowie eine Behindertenwerkstatt eingemietet haben, ist es um die Brandsicherheit schlecht bestellt. Nur ein paar Wochen vor der Inspektion war in einem Atelier wegen einer defekten elektrischen Anlage ein Feuer ausgebrochen.

Muss das Areal geschlossen werden?


Besonders gefährdet wäre bei einem Brand das Atelier des Vereins Créham, wo an zwei Tagen pro Woche Behinderte arbeiten. Ihr einziger Fluchtweg führt durch einen langen, mit feuergefährlichen Spanpressplatten ausgekleideten Korridor. Die inspizierenden Behördenvertreter kamen denn auch zu einem Schluss, der keinen Spielraum offen liess: «Angesichts der Schwierigkeiten bei einer Evakuation», so heisst es im Protokoll der Inspektion, «muss zwingend und ohne Verzögerung ein anderes, näher bei einem Ausgang gelegenes Lokal gefunden werden.»

Die schönen Worte sind mittlerweile fast anderthalb Jahre alt - ohne dass etwas unternommen worden wäre. Ein Sicherheitsbericht, den die Besitzerin der Liegenschaft, die Refonda Metallwerke AG, bis Ende Mai 2005 hätte vorlegen müssen, traf erst Mitte Februar 2006 bei Oberamtmann (Regierungsstatthalter) Nicolas Deiss ein - dem Bruder des ehemaligen Bundesrats Joseph Deiss. «Seit dem 15. Februar haben wir keine weiteren Forderungen oder Auflagen erhalten», bestätigt Jürg Gerber, Geschäftsführer der Refonda AG, der darüber nicht unglücklich ist. Bei der kantonalen Feuerinspektion hat man den Bericht noch nicht zu Gesicht bekommen.

Auf die Gründe für die Verzögerung angesprochen, weicht Deiss’ juristischer Sekretär Richard Jordan aus. Aufgrund des Protokolls seien «in verschiedenen Lokalen bauliche Massnahmen ergriffen worden», erklärt er. Marcel Hari (Name geändert), ein kritischer Mieter im Espace Boxal, vermutet hinter der behördlichen Langsamkeit jedoch Absicht: «Deiss nimmt die Gefährdung der Mieter bei einem Brand bewusst in Kauf, weil er weiss, dass bei einer konsequenten Anwendung der bau- und feuerpolizeilichen Vorschriften das Areal eventuell geschlossen werden müsste.»

Verrammelter Notausgang


Hari liegt mit der von der Refonda eingesetzten Verwaltung respektive mit deren Hausmeister seit längerer Zeit im Streit. Diese Auseinandersetzung erhielt mit der Inspektion von Ende April 2005 neue Nahrung - und nahm eigentümliche Züge an.

Denn nur wenige Tage nach der Inspektion fand Hari den Notausgang seines Ateliers verrammelt vor. Eine behördliche Verfügung dazu existierte nicht. Als der Hausmeister sich weigerte, die Verbarrikadierung zu entfernen, liess Hari den Durchgang von einem Handwerker wieder öffnen. Und weil sich das Spiel wenig später wiederholte und der Hausmeister Hari im Namen der Refonda sogar wegen Sachbeschädigung einklagte, suchte die Immobilienverwaltung ihr Heil bei Oberamtmann Deiss persönlich. Man möge doch das Protokoll der Sicherheitsinspektion um den Passus ergänzen, dass der Notausgang von Haris Atelier zugesperrt werden müsse - eine Forderung, die während der Inspektion nicht gestellt worden war, wie sich damals Anwesende erinnern.

Das Ansinnen stiess beim Oberamt dennoch auf offene Ohren. «Aus Sicherheitsgründen» fügte der juristische Sekretär Richard Jordan vier Monate nach der Verbarrikadierungsaktion eine Ergänzung in das offizielle und von den damals Anwesenden akzeptierte Protokoll ein: «Die ‹Notausgänge› der Lokale im Gebäude 2E müssen ohne Verzögerung verriegelt werden.» Dieses Vorgehen sei im Verwaltungsverfahren erlaubt, erklärt Jordan.

Eine interessante Anordnung ist es trotzdem. Während der Notausgang über den engen Korridor für den Nichtbehinderten Hari als zu gefährlich eingestuft wird, wären die zwölf Behinderten, die im weiter hinten gelegenen Atelier Créham arbeiten, im Brandfall weiterhin gezwungen, durch ebendiesen Korridor ihren Weg ins Freie zu suchen. Auf den Widerspruch angesprochen, weicht Jordan aus: «Es sei daran erinnert, dass ich bei dieser Gelegenheit von Spezialisten der Feuerpolizei unterstützt wurde.»

Die Besitzerin will nicht investieren


Mit einer baldigen Verbesserung der gefährlichen Situation mitten in der Stadt Freiburg ist kaum zu rechnen. Seriöse Brandschutzmassnahmen würden nach ersten Berechnungen einen «hohen sechsstelligen Betrag» kosten, sagt Refonda-Chef Gerber, der lieber verkaufen als investieren möchte. Oberamts-Jurist Jordan wiederum kündigt an, bis Ende November werde man über konkrete Massnahmen und Termine beschliessen - «unter Berücksichtigung der Vorschläge und der künftigen Absichten des Besitzers sowie der Kosten dieser Massnahmen».

© Beobachter Ausgabe 22 vom 25. Okt 2006 - Alle Rechte vorbehalten

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